FIND 2016: Fundgrube neuer Dramatik

Was für ein Theater! Ein Mann mimt eine Kuh, ein Regisseur kommentiert seine Inszenierung und wahre Fussballfans werden zu Schauspielern. Das FIND – Festival Internationale Neue Dramatik in der Schaubühne – ist eine wahre Fundgrube guter und schlechter Ideen.

manmaRo project – Tierische Zeugen

Khalifa Natour sitzt mit abgesenktem Kopf  auf einem Stuhl, Natour schielt leicht nach oben. Dann dreht er mit halb geöffnetem Mund den Kopf nach links und wieder nach rechts.  Sein Zungenspiel erinnert an das eines Tieres. Eine Stimme aus dem Off spricht deutsch: “Guten Morgen”. “Guten Tag”.  “Gute Nacht”. Natour wiederholt die Begriffe auf arabisch. Die Situation erinnert an einen Deutschkurs.

“Falls Sie es nicht bemerkt haben: Ich spiele eine zufriedene Kuh.”

Er steht auf und macht auf seiner imaginären Weide ein paar Luftsprünge. Was dann folgt, sind messerscharfe Beobachtungen, wie sich ein Flüchtling fühlen mag, wenn er in Europa ankommt. Mühelos wechselt Natour Rollen, Perspektiven und Geschichten. Die Behauptung, dass Zimmertüren statt durch Zahlen durch Blumenmotive unterscheidbar sind, ist zwar gewagt, dennoch aber bringt es Ofira Henig im “manmaRo Project – The Bees` Road” auf den Punkt. Wir wissen nichts über das frühere Leben des Ankommenden und sollten deshalb weniger anmaßend sein. Später liest Natour aus einem Buch vor, wie die Deutschen so sind. Und spätestens da begreift man, dass  die eigene Kultur ganz schön fremd wirken kann. Das Projekt ist zwar noch in der Entstehung, aber die Werkstattpräsentation war mehr als überzeugend.

Chekov`s First Play – Kommentar aus dem Off

Wie oft beschäftigen wir uns in einer Kunstgalerie mehr mit den Schildchen neben dem Bild, um zu verstehen, was der Künstler uns sagen möchte? Wie oft sitzen wir im Theater und überlegen, welche Aussage hinter dem Stück steckt? Dead Centres “Chekhov`s First Play” geht den logischen Schritt und setzt dem Publikum Kopfhörer auf. Damit sie endlich mal das Stück verstehen, fügt Regisseur Bush Moukarzel hinzu. Gemeinsam mit Ben Kidd entwickelte er das Stück in Irland. “Chekhov`s First Play” ist ein Stück für Theaterfreunde. Moukarzel zieht durch Kommentare, die dem Zuschauer eigene Stimme im Kopf, die Konzentration auf nur wenige Charaktere und das Nichterscheinen der Hauptfigur Platonow mehr als nur eine Metaebene ein. Während der Regisseur die Dialoge als unwichtig entlarvt und ständig darüberplappert, entlarvt ihr den Charakter der Figuren: Sie haben nichts zu sagen, warum sollte man ihnen also zuhören? Immer mehr wird der Zuschauer in das Stück miteinbezogen, während sich die Regie zurückzieht. Es entwickelt eine ganz eigene Dynamik, die Tschechov in das Jetzt holt.

 

 

Do you still love me? – Fußball trifft auf Theater 

Für Sanja Mitrović ist mehr mehr. Anstatt das Theater auf reine Schauspielkunst zu reduzieren, holt sie für “Do You Still Love Me?” echte Fußballfans aus Brüssel auf die Bühne. Gemeinsam mit französischen und belgischen Schauspielern teilen sich die Fans die Bühne. Ob das mal gut geht?

Erste Halbzeit. Auf einer Leinwand werden Fakten über Fußball eingeblendet. Auch über die  Stadion-Ausschreitungen von Port Said, wo Fans ihre gegnerischen Fans angriffen und töteten. Insgesamt 74 Menschen starben. Das Stück springt zu William Shakespeares Anfangsdialog von “König Lear”. Der König möchte von seinen drei Töchtern wissen, wie sehr sie ihn lieben. Als er Cordelia, die dritte Tochter fragt, was sie ihm antworte, um “ein reichres Drittel als die Schwestern” zu gewinnen, antwortet sie: “Nichts.” Lear hakt nach. “Nichts” wiederholt sie. Verwundert entgegnet Lear: “Aus nichts kann nichts entstehen, sprich noch einmal!”

Die einen leben für das Theater, die anderen für ihren Verein.

Fans und Schauspieler stellen sich in einer Reihe auf. Sie singen die belgische Nationalhymne und stellen sich vor. Der letzte im Bunde erklärt, dass er nicht verstehe, warum sich Menschen treffen, um zu trinken und Fußball anzusehen. Er übernimmt im Stück die Position des interviewenden Beobachters, richtet seine Kamera dorthin, wo er die nächste Frage sieht. Die Idee, beide Leidenschaften miteinander zu verbinden, könnte funktionieren. Doch die vorgetragenen Theaterdialoge stehen im Raum, vermitteln nicht die Liebe zum Theater, sondern stören den Fanblock. Es ist ein buntes Treiben auf der Bühne. Der Streit um die Flagge, den eigenen Standpunkt, nimmt immer mehr Raum ein. Geschichten von (Theater-)Fans treffen auf Geschichten von (Fußball-)Fans. Die einen leben für das Theater, die anderen für ihren Verein. Das wiederum funktioniert gut. Noch bin ich zwiegespalten, ob ich mich für oder gegen das Stück entscheiden soll…

Die Fortsetzung findest du hier: “FIND 2016: Weitere dramaturgische Ideen”

 

Weitere Informationen

Das FIND – Festival Internationale Neue Dramatik findet noch bis 17. April in der Schaubühne am Lehniner Platz statt. Alle Artikel über das FIND-Festival findest du hier.

/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

/