„Wer der Parasit ist, bleibt dem Zuschauer überlassen.“

Regisseur Bong Joon Ho macht gesellschaftskritische Filme, die sich nicht einfach einem Genre zuordnen lassen. In dem düsteren Science Fiction-Action-Film „Snowpiercer“ (2013) findet ein Klassenkampf im Zug statt und in dem Drama „Okja“ (2017) versucht ein Mädchen ein übergroßes Mastschwein vor dem Schlachter zu retten. Mit der schwarzhumorigen Satire „Parasite“ besinnt sich Bong nun zurück zu seinen koreanischen Wurzeln.

Während des 72. Cannes Filmfestivals erhielt er dafür die goldene Palme. Seit 17. Oktober läuft der Film im Kino. Im Interview spricht er darüber,  wer eigentlich der Parasit ist, über Schwarz-Weiß-Denken und wie universal „Parasite“ ist.

Ausgehend von zwei Familiengeschichten thematisiert „Parasite“ das Gegeneinander von Arm und Reich. Während eine arme Familie durch eine List versucht, sich nach oben zu arbeiten, wird dem Zuschauer nach und nach die Abhängigkeit der reichen Familie von der ärmeren Familie bewusst. Sie halten in „Parasite“ der Gesellschaft den Spiegel vor. War das von Anfang an Ihre Intention?

Ich wollte schon immer eine satirische Geschichte drehen, bei der zwei  Familien mit polarisierenden Lebensbedingungen im Mittelpunkt stehen.  Ich wollte den ganz normalen Alltag von der reichen Familie Park und Ki-taeks arme Familie zeigen und daraus eine Familientragödie entstehen lassen.  Mir war wichtig, dass Anfang und das Ende sehr weit auseinander klaffen. Dass der Film sozialkritisch ist, war nicht zu vermeiden.

Der Titel „Parasite“ (Parasit) ist sehr treffend. Am Schluss wird jeder seine eigene Vision haben…

Wer der Parasit ist, bleibt dem Zuschauer überlassen. Der ursprüngliche Parasit ist derjenige, der in dem Bunker der reichen Familie Park wohnt. Aber dass man ihn Parasit oder Schmarotzer nennt, tut mir in der Brust sehr weh.

Die reiche Familie ist völlig abhängig von den Diensten der armen Familie…

Sie sind völlig abhängig von den Diensten der Armen ist, die den Haushalt für sie übernehmen und sie durch die Stadt chauffieren. Die reiche Familie ist völlig ahnungslos, während Ki-taek und seine Schwester etwas aushecken, um von ihrem Reichtum zu profitieren. Es ist eine Geschichte, die zwar komische Momente hat, aber im Grunde ist sie sehr traurig. In einer Szene will einer der Armen sein Brot essen, dann krabbelt ein großer Käfer über den Esstisch und er schnipst ihn einfach weg. In einer späteren Szene kriecht er selbst wie ein Insekt über den Boden. Da kann man lachen, aber im Grunde ist das eine sehr bittere Szene.

Sollte man das schwarz-weiß-Denken im Film aufgeben?

Mir war es wichtig, den Charakter der reichen Familie herauszuarbeiten. Familie Park ist sehr kultiviert und weiß sich richtig zu benehmen. Trotzdem sehen sie auf die untere Schicht herab. Diese Nuance war mich wichtig. Böse sind sie nicht.

Der Humor des Films ist manchmal absurd, manchmal satirisch. Woher kommen die Anregungen?

(lacht) weil ich selbst ein komischer Typ bin. Mein Drehbuch ist eigentlich sehr absurd, ich bin dann skeptisch und denke dann: ist das wirklich noch realistisch, aber dann machen es meine Schauspieler auf der Basis meines Drehbuchs perfekt. Selbst die Idee, dass die Armen anders riechen, haben sie glaubhaft darstellen können. Ich habe auch großen Respekt vor meinem Szenenbildner, der meine Skizzen in die Wirklichkeit umsetzen musste. Er musste das Haus  der Reichen so bauen lassen, dass es real existieren könnte, obwohl ich kein Architekt bin.

Einige Figuren im Film tragen amerikanische Namen wie Kevin oder Jessica. Ist das satirische Übersteigerung?

In Korea hat nicht jeder die Neigung, US-amerikanische Namen zu besitzen, aber zum Beispiel kamen in der Generation meines Vaters nach dem Koreakrieg oft amerikanische Namen vor. Wenn die reiche Frau in meinem Film plötzlich englisch spricht, obwohl sie nicht gut englisch sprechen kann, macht das auch nur aus Eitelkeit ­- um zu zeigen, dass sie das auch kann.

“Solche Filme sollte man alleine angucken”

Wie hat das koreanische Publikum auf den Film reagiert?

Sie diskutieren lange darüber und nehmen „Parasite“ als Geschichte ihrer Nachbarn wahr. Es gibt auch Leute, die sich mehrmals meinen Film ankucken, obwohl es wirklich für sie sehr unangenehm war, den Film anzusehen, ein Mann hat mir erklärt, dass der Film für ihn sehr schmerzhaft war, weil er selbst schon in einer Halbkellerwohnung, einer Wohnung, die sich zwischen Keller und Erdgeschoss befindet, gelebt hat. Solche Wohnungen sind eine Besonderheit in Korea. Als ich gehört habe, dass „Parasit“ sehr erfolgreich ist, wollte ich meinen Eltern was Gutes tun und bin mit Ihnen ins Kino gegangen, aber sie haben nur geschimpft. Solche Filme sollte man alleine angucken.

Der Film hat eine sehr starke Bildsprache. Gab es ein Bild, das Sie als erstes im Kopf hatten, als Sie das Drehbuch geschrieben hatten?

Ja. Die Szene, in der die Haushälterin über die Türe versucht hatte, die Vitrine vor der Türe wegzu schieben, weil etwas dahintersteckt, es aber nicht hinbekommt und deswegen in der Luft hängt. Ich wollte auch unbedingt, dass die Kloschüssel von Ki-taeks Familie erhöht auf einer Stufe im Bad steht. Es gibt in Korea tatsächlich Wohnungen, die ihre Kloschüsseln ganz oben am Fenster haben. Wenn der Wasserdruck nicht stimmt, dann muss man die Kloschüssel irgendwie hochschaffen und dann steht die Kloschüssel eben ganz oben.

Man kann den Film einerseits als Kritik an der koreanischen Gesellschaft, aber auch als universale Kritik an der westlichen Konsumgesellschaft, verstehen.

Als ich meinen Film in Cannes vorgestellt habe traf ich viele Leute aus allen Ländern. Jemand aus England kam auf mich zu und meinte: In England läuft das eigentlich genauso ab, man könnte die Geschichte auch in England so drehen. Dann kam jemand aus Taiwan auf mich zu und sagte: bei uns ist es auch nicht anders. Ich habe das auch immer wieder von den deutschen Journalisten gehört, dass die Mittelschicht  in Deutschland verschwindet und die Kluft immer breiter wird.

Das Interview wurde auf dem Filmfest München geführt. Zur Kinokritik von “Parasite”

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