Tocotronic Chroniken: Schwere leichte Kost

Sie sind groß, rot und schwer. Die Tocotronic Chroniken sind ein richtig schwerer Schinken geworden für die Fanbibliothek zu Hause. Kein Wunder nach über zwanzig Jahren Bandgeschichte. 

Die Autoren Jens Balzer und Martin Hossbach präsentierten Mitte Mai gemeinsam mit Tocotronic das fast 400-seitige Werk im Prince Charles. Ein Résumé über Scheitelfrisuren, Klamottenkult und das gemeinsame Dazwischen.

„Digital ist besser“ verkündeten Tocotronic bereits 1991 und schrammelten drauflos. Sie spielten unaufregten Deutschpop mit ambivalenten Texten. Nach dem Motto: “Es ist einfach Rockmusik”. Ein Stück, das 1995 mit dem Album “Nach der verlorenen Zeit” erschien. Das nächste Dia erscheint. Eine höchst förmliche Einladung zu einem Tocotronic-Konzert 1993. Die Formulierung könnte nicht spießiger sein: „Toc-o-tronic spielen zum Konzert auf“, „um pünktliches Erscheinen wird gebeten“, „Einlass nur mit Einladung“. Martin Hossbach fragt nach, was nun der „leicht bescheuerte Text“ solle.  Jan Müller spricht von Präzision. Einige im Publikum des randvollen Prince Charles schmunzeln leicht. Man merkt, dass an diesem Abend keiner ein Blatt vor dem Mund nehmen wird.

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Es folgen Dias aus dem Proberaum von Tocotronic, Songtextzeichnungen, die kreativen Mindmaps von typischen Start-Up-Firmen gleichen. Nicht zu vergessen: Immer wieder wirft der Beamer Trainingsjacken und Scheitelfrisuren an die Wand. Darüber schrieb Jens Balzer auch einen Essay im Buch. Einen, über die eine Band, die „schlacksig“ und „elektrosom“ daherkam und bei der das nicht bewegen wichtiger war, als das sich bewegen. Ihre asymetrischen Scheitelfrisuren passten gut zu ihrer schrägen Körperhaltung, bei der nur die Hände in den Hosentaschen befestigt waren. Cool sind sie noch immer. Rick McPhail mit 60ies-Brille, Jan Müller mit der ewigen Scheitelfrisur, Arne Zank gewollt uncool im Pullover mit zierlicher Rundbrille und natürlich Sänger Dirk von Lotzow im beiden Trenchcoat. Irgendwann rauchen sie auf der Bühne. Irgendwann trinken sie Bier.

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Und als das Video von „This Boy Is Tocotronic“ ohne Ton läuft, machen Tocotronic einfach den Audiokommentar, sprechen davon, wie sehr sie „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ mögen und dass das Warten doch etwas Wunderbares sei. Genau deswegen wählte Sie den Musikerberuf. Es geht weiter mit ein paar Dias. Ein Bild eines Lautenspielers im Proberaum, ein Foto eines gelb-violettes Maskottchens der Band und zuletzt ein knallrotes Album. Das rote. Das neueste. Jens Balzer ruft zur Autogrammstunde der Band auf. Keiner redet von Verkauf, aber das funktioniert ja auch so. Sympathisch, die Jungs äh… Männer.

Wer mehr wissen möchte, hier gibt’s meine Interviews mit Jan Müller (Bassist Tocotronic), Martin Hossbach (Herausgeber) und Jens Balzer (Autor) über die Tocotronic Chroniken.

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