Im Ravekostüm mit 50?

Das Performancekollektiv Gob Squad.

Wie fühlt es sich an, ein Stück immer wieder neu zu erfinden? Sarah Thom, Gründungsmitglied des Performancekollektivs Gob Squad über Abschied und Wiederentdeckung von alten Stücken.

Sarah, „Dancing About“, eine Tanzperformance über das Tier im Menschen, spielt Gob Squad seit 2012. Die Struktur ist einfach und doch sorgen eure Ausdruckstänze für tosenden Applaus. Worin besteht die Faszination?

Sarah Thom: Wir improvisieren sehr viel und überraschen uns gegenseitig auf der Bühne. Die Textzeilen bei „Dancing About“, über das, was wir gerne mögen oder wovor wir Angst haben, erfinden wir jedes Mal neu. Wer aus der Gruppe so denkt, wie ich, tanzt mit. Möchte ich allein tanzen, dann muss ich kreativ sein. Fällt mir nichts ein, dann nehme ich Sätze aus früheren Aufführungen.

Später tanzt jemand von euch ein Solo als Gottesanbeterin. Wer ist der oder die Auserwählte?

Thom: Das erfahren wir erst während des Stückes. Der DJ stoppt die Musik und erst dann ist klar, wer auf der Bühne tanzen wird.

Wie sehr gleichen sich die Aufführungen anderer Stücke von Abend zu Abend? Nehmen wir beispielsweise „Kitchen – You`ve Never Had It So Good“, bei dem Gob Squad bis 2014 Andy Warhols-Filme in der Gob Squad-Version auf die Leinwand brachte…

Thom: Ein wichtiges Element ist das Publikum. In „Kitchen“ gibt es vier Publikumsmitglieder, die auf die Bühne kommen. In einem Teil, der heißt „Kiss“, liege ich gemeinsam mit einem Publikumsmitglied in einem Bett, die Kamera ist auf die Gesichter gerichtet. Mich berührt es, in einem solch intimen Ort mit jemandem zu liegen. Dann kommt es darauf an, wen ich vor mir habe: Wenn ich jemanden vor mir habe, der selbstbewusst ist und gerne redet, dann ist es anders, als wenn jemand eher in sich gekehrt ist. Letztlich geht es immer darum, zuzuhören und darauf zu reagieren.

Ist Gob Squad also jeden Tag anders?

Thom: Ja. Es macht einen Unterschied, welche Fußballmannschaft gewinnt, ob es regnet, ob es kalt ist, ob eine Wahl ansteht. All das fühlst du. Dinge ändern Tag für Tag die Atmosphäre in der Stadt auf so eine merkwürdige Art und Weise. Während einer solchen Show wird mir das bewusst. Von einem Tag auf den anderen frage ich mich: Was ist bei diesem Publikum anders? Dann denke ich über den Tag zuvor nach und  merke: „Ach ja richtig, gestern war ein wunderschöner sonniger Tag. Heute gibt es ein Gewitter.“

 

 

Wie bleiben die Stücke frisch?

Thom: Durch die wechselnde Besetzung halten wir die Spannung. Es kam schon vor, dass ich in der „Kitchen“-Küche saß und dann bemerkte: „Wir waren seit zwei Jahren nicht mehr zusammen hier.“

Wann ist es Zeit, sich von einem Stück zu verabschieden?

Thom: Ganz einfach: wenn die Leute sich keine Karten mehr kaufen oder nicht mehr danach fragen. Man muss das alte beenden, damit das neue seinen Platz bekommt. Manchmal ist das wirklich hart. Immer wieder fragen uns Leute: Könnt ihr euch vorstellen, das in zehn Jahren wieder zu machen?

Und die Antwort?

Thom: Es gibt keine Show, die ich nicht mehr aufführen würde – außer die ganz alten Shows. Das Stück „15 Minutes to Comply“, führten wir auf der Documenta in der U-Bahn auf. Es war ein Stück seiner Zeit. Jetzt würde es sehr veraltet wirken. In den Köpfen der Leute gehört „15 Minutes to Comply“ zu einer seltsamen Performancemythologie. Würden wir nicht den Zauber ruinieren, wenn wir es erneut aufführten?

Nein? 

Thom: Wir wurden schon öfter gefragt, ob wir es an wirklich schönen Orten aufführen möchten und dann dachten wir darüber nach, wie wir aussehen würden. Ich bin jetzt 50. Wir sind einfach nicht mehr dieselben. Würden wir wirklich diese grandiosen Ravekostüme wieder tragen? Das war zu der Zeit nicht ironisch gemeint. Diese Leute sind wir nicht mehr. Das Stück hatte seine Zeit, aber es ist wie die erste Liebe: Man muss sich irgendwann davon verabschieden.

 

Weitere Informationen

Gob Squad das sind (Reihenfolge wie im Foto): Sharon Smith, Berit Stumpf, Sean Patten, Sarah Thom, Johanna Freiburg, Bastian Trost und Simon Will. Jeder ist gleichberechtigt. „Dancing About“ wird am 12. Februar in der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz aufgeführt.

In einem anderen Interview spricht Sarah Thom über ortsspezifische Performances und die Kraft des Kollektivs.

Foto: Garrett Davis/Capture Imaging
(das Foto ist unten leicht abgeschnitten)

Das Interview wurde im April 2014 geführt.