Kultur-Update: My Fair Lady mit Roboter

My Fair Lady mit Roboter und der Performancegruppe Gob Squad. Auf dem Bild: Myon. copyright: Iko Freese

Übernehmen Roboter in Kürze unsere Arbeit und gewinnen künstliche Intelligenzen so sehr an Menschlichkeit, dass sich ein Roboter oder ein Computer wie in Spike Jonzes` furistischem Drama „Her“  in einen Menschen verliebt? Können Roboter überhaupt Gefühle entwickeln?

Ist wirklich jeder Mensch ersetzbar? In „My Square Lady. Von Menschen und Maschinen. Eine Opernerkundung“ stellt die Performancegruppe Gob Squad die Roboterfrage und gibt „My Fair Lady“ ein Update. Mit Roboter statt Frau. Eine Oper ist das nur im weitesten Sinne. Süß ist er, der 1,25 Meter große Roboter Myon. Seine ersten Gehversuche wirken sehr unbeholfen. Wie ein Kind wird Myon an die Hand genommen. Seine Schule ist die Oper, statt Schulranzen trägt er einen Rucksack. Der Roboter soll lernen, Gefühle zu entwickeln. Wie in „My Fair Lady“ wird Myon in die Gesellschaft eingeführt. Natürlich stellt Gob Squad dem Personal auch die Roboterfrage: „Sind Sie ersetzbar?“

Das Opernpersonal macht sich mit dem Zuschauer bekannt. Der Reihe nach treten die Sänger, die Inspizientin, der Dirigent, die Praktikanten oder Gob Squad auf die Bühne und denken darüber nach, ob ein Roboter sie ersetzen könne. Myon ist noch nicht zu sehen. Der wird später groß in Szene gesetzt und auf einem goldenen muschelförmigen Thron präsentiert. Das ist Prof. Dr. Manfred Hild, dem Erschaffer des kleinen Roboters, nicht so recht. Er will Myon ganz natürlich zeigen. Doch wie und wer ist Myon? Gob Squad und Hild disktutieren.

Nächster Versuch. Auch die Inszenierung mit Kinderchor in einfachen Roboter-Pappkostümen gefällt Hild nicht so recht. Schade, denn die Kinder machen einen verdammt guten Job als singende Mini-Roboter. Um dem Kerlchen gerecht zu werden, stellt ihm Hild zwei menschliche Helfer aus seinem Labor zur Seite. Sie tragen Myon jeweils an seinen Handlungsort.

Gob Squad My Square Lady Von Menschen und Maschinen. Eine Opernerkundung (2015) Musikalische Leitung und Arrangement: Arno Waschk Konzept, Regie und Kostüme: Gob Squad, (Johanna Freiburg, Sean Patten, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will) Bühnenbild: Gob Squad, Romy Kießling Entwicklung und Betreuung Roboter: Manfred Hild Dramaturgie: Ulrich Lenz, Christina Runge Chöre: Andrew Crooks Kinderchor: Dagmar Fiebach Licht: Diego Leetz Video: Kathrin Krottenthaler Videomitarbeit: Miles Chalcraft Kostümbildmitarbeit: Susanne Weiske Mitarbeit und Betreuung Roboter: Torsten Siedel, Stefan Bethge, Christian Thiele, Marcus Janz, Peter Hirschfeld, Jörg Meier, Mario Weidner Projektleitung: Rainer Simon, Christina Runge Musikalische Studienleitung: Peter Meiser Regieassistenz und Spielleitung: Sibylle Polster Repetitoren: Anna Buschke, Peter Meiser, Karl Shymanovitz Regiehospitanz: Lea Aigner, Maria Gamsjäger, Leicy Valenzuela Inspizienz: Sabine Franz Auf dem Bild Christiane Oertel, Carsten Sabrowski (beide KOB), Bastian Trost (Gob Squad), Myon (Forschungslabor Neurorobotik an der Beuth Hochschule für Technik Berlin), Johanna Freiburg (Gob Squad), Christoph Späth (KOB) und Manfred Hild (Forschungslabor Neurorobotik an der Beuth Hochschule für Technik Berlin) Foto: Iko Freese | drama-berlin.de Veröffentlichung bei Nennung des Fotografen für Ankündigungen und redaktionelle Berichterstattung über die Produktion an der Komischen Oper Berlin honorarfrei. Reproductions for editorial purposes and program announcements covering the production at the Komische Oper Berlin are free of charge, if the photographer is fully credited. Bitte ein Belegexemplar an/ Please send a copy to: Komische Oper Berlin Pressestelle Behrenstr. 55-57 10117 Berlin presse@komische-oper-berlin.de
© Iko Freese drama-berlin.de

An einer großen Tafel, die bewusst oder unbewusst an das letzte Abendmahl Jesu mit Opernsängern und drei Gob Squad-Mitgliedern erinnert – sogar ein Brot wird zerbrochen – fragt Bastian (Gob Squad) die Tafelgäste nach großen Gefühlen. Ob es sich lohne, sich trotz gebrochenen Herzens noch einmal zu verlieben oder wann der oder dienige das letzte Mal weinte. Myon wird nicht nicken, nicht weinen oder etwas sagen. Eine kleine Videoleinwand zeigt immer wieder die Welt aus Myons Augen. Das Personal der komischen Oper und Myons treue Helfer aus dem Forschungslabor Neurorobotik an der Beuth Hochschule für Technik Berlin vergleichen ihn liebevoll mit einem Kind, das noch nicht laufen kann.

Der spannendste Moment: Als der Dirigent Myon seinen Taktstock in die kleinen Roboterhände legt. Er soll versuchen, ein ganzes Orchester zu dirigieren. Die Musikauswahl ist mit La Traviata, Carmen und Robby Williams` „Feel“ oder „I Sing the Body Electric“ – klassisch und unkonventionell zugleich, auch die Kulisse wird nicht einfach so verwendet, sondern fährt oft einfach mal im Hintergrund vorbei, auch das Display im Sitz des Vordermanns spricht mit dem Publikum. Für gewöhnlich liest man dort nur die Übersetzung des Stückes. Der Stuhl freut sich, dass alle so hübsch aussehen und rät mir später, meinen Nebenmann nach einem Taschentuch zu fragen.

Es scheint, alsob Gob Squad in „My Square Lady“ um jeden Preis alles anders machen wollten. Die Inszenierung wirkt dadurch weniger locker und intuitiv als man von den Berlinern gewohnt ist. Trotzdem lohnt sich der Besuch der Komischen Oper, denn Gob Squads interdisziplinäres Projekt erschließt neue Wege. Während andere Performer erst jetzt das Spiel mit dem Publikum für sich entdecken, setzen Gob Squad einen neuen Trend: Sie machen Wissenschaft zur Performance. Schon allein das verdient ein Fleißbienchen.

 

Weitere Informationen

Bekannt wurden Gob Squad durch ortsspezifische Performanceprojekte. Auf der Kasseler Dokumenta bespielten sie 1997 für „15 Minutes to Comply“ eine U-Bahnstation. Auch ein Wohnhaus („House“), ein Möbelgeschäft („An Effortless Transaction“) oder ein Hotel („Room Service“) machten sie zum Kunstort. 2014 feierten sie ihr 20-jähriges Bestehen.

„My Square Lady. Von Menschen und Maschinen. Eine Opernerkundung“ wurde am 21. Juni in der Komischen Oper uraufgeführt. Am 5. Juli zeigt sich Myon zum vorerst letzten Mal auf der Bühne.