„Men&Chicken“-Interview: Abstrahierte Brutalität

Regisseur Anders Thomas Jensen am Set. copyright: Anders Overgaard_neu

Anders Thomas Jensens Figuren essen Menschen, morden und manipulieren menschliches Erbgut. Auch „Men & Chicken“ passt nach „Dänische Delikatessen“ und „Adams Äpfel“ gut in die skurrile Jensen-Reihe. Ich sprach mit dem dänischen Regisseur auf dem Münchner Filmfest über Tabus, Abstraktion und Inspirationen.

Herr Jensen, warum mussten wir auf Ihren Film so lange warten?

Jensen: Grundsätzlich ist das der ganze Grund für diese Geschichte: weil ich vier Kinder habe. Wenn man schreibt kann man seine eigene Zeit selbst einteilen und auch versuchen, die Kinder mit aufzuziehen, aber wenn man Regie führt bedeutet das, für ein Jahr einfach zu gehen. Also entschied ich mich, die Geschichten für andere aufzuschreiben und ich war froh, das zu tun. Dann sah ich, wie sich meine Kinder benehmen und bekam ich die Idee für diesen Film.

Ihre Kinder ähneln Tieren?

Jensen: Nein, aber Kinder zu haben erinnert einen auch daran, wie fragil Zivilisation ist und dass wir mit jedem Menschen von neuem beginnen müssen. Wie faszinierend ist das? Wenn man zwei Kinder mit einer Tasche an den Strand setzt, dann streiten sie und ich dachte mir: Was ist, wenn ich sie einfach streiten lasse? Ich hatte die Idee, meine Kinder für 30 Jahre auf eine einsame Insel zu setzen und zu sehen, was passiert. Natürlich habe ich das nicht getan! Aber das ist das gute beim Filmemachen. Man kann einen Film darüber machen, anstatt es wirklich zu tun!

Und jenseits Ihrer Kinder: War „Die Insel des Dr. Moreau“ auch eine Inspiration für Sie?

Jensen: Ja, es ist merkwürdig, weil ich es nicht bewusst getan habe. Ich sah den Film als ich klein war und vergaß ihn 15 Jahre lang. Während des Schreibens entdeckte ich ihn für mich wieder.

In Ihren Filmen berühren Sie Tabu-Themen wie Kannibalismus in „Dänische Delikatessen“ und in diesem Film Genmanipulation. Haben Sie persönliche Tabus, die sie nicht umsetzen möchten?

Jensen: Ich denke, es gibt Themen, bei denen man vorsichtig sein muss. Sie sind zu abgründig oder zu traurig, um sie in einer humoristischen Art und Weise umzusetzen und darüber zu lachen. Aber konkret kann ich gerade kein Thema nennen, das man nicht umsetzten könnte. Solange man es mit Respekt macht und gründlich, dann macht es Sinn.

Ihre Charaktere sind oft dumm und brutal. Wollen Sie dadurch Brutalität abstrahieren? Also im Sinne von „Der ist verrückt und weiß nicht, was er tut“?

Jensen: Die ganze Brutalität ist bei mir sehr slapstickhaft. Aber meine Absicht war auch, dass Brutalität Teil dieses ganzen Zivilisationsdings ist. Sie ist Teil der menschlichen Natur. Der Film wäre viel abgründiger, wenn die Gewalt im Film nicht so cartoonhaft wäre. Ich denke nicht, dass ich die Geschichte auf eine sozial-realistische Weise erzähle.

Sie arbeiten mit den besten Schauspielern Dänemarks. Für Mads Mikkelsen ist es der vierte Film mit Ihnen. Wie überzeugten Sie diese, so verrückt und dumm auszusehen? Haben Sie einen Vertrauensbonus?

Jensen: Ach, die meisten Schauspieler gehen sehr weit über ihre Eitelkeit hinaus, wenn es der Geschichte dient. Sie entwickeln die Charaktere mit. Jeder fragte mich: Warum hat Mads so schreckliche Haare? Tatsächlich waren die Locken seine Idee.

Mads Mikkelsen wurde zum sexiesten Mann Dänemarks gekürt und Sie machen ihn jetzt zum häßlichsten Menschen. Hatten Sie daran besonderen Spaß daran?

Jensen: Nein, ich glaube auch, dass er sich von diesem Image verabschieden möchte. Aber klar, die Anproben machen schon viel Spaß, aber ich mach das natürlich nicht aus persönlichen Gründen. Zugegeben: ein bisschen schon.

 

Informationen

„Men & Chicken“ läuft seit 2. Juli im Kino.

Der Regisseur, Autor und Schauspieler Anders Thomas Jensen ist für seinen skurrilen Humor bekannt und gilt als Kult-Regisseur. Der dänische Star-Schauspieler Mads Mikkelsen hat in all seinen Langfilm-Regiearbeiten mitgespielt: „Blinkende Lichter“, „Dänische Delikatessen“ und „Adams Äpfel“ und nun – nach fast zehnjähriger Regiepause – „Men & Chicken“.