Tanz im August 2021: Stille und Spektakel

Tanz im August 2021: Stephanie Thiersch und Brigitta Muntendorf. Archipel. Copyright: Dajana Lothert
Foto: Tanz im August 2021/Dajana Lothert. "Archipel - ein Spektakel der Vermischungen"

Ein vielfältiges „Tanz im August“-Festival geht zu Ende. Für den einen fast lautlos, für den anderen mit Pomp und Trara. Stephanie Thiersch und Brigitta Muntendorf wählen mit „Archipel“ eine klingende Utopie, der brasilianische Tanzkünstler Thiago Granato hingegen macht Stille hörbar.

Räume durch Achtsamkeit

Acht metallene Säulen unterteilen den Tanzraum von Granatos „The Sound That No One Listens“ in den Sophiensaelen . Drei Tänzer* teilen sich die Bühne, jeder von ihnen trägt einen körperlangen Stock. Sie könnten sich, um einander keinen Raum wegzunehmen, trennen und doch wählen sie den anderen Weg. Gemeinsam versuchen sie, durch mal schlängelnde, mal kriechende Bewegungen aufeinander zu achten.

Der Klang der Schwere

Die Stöcke nehmen sie zur Seite, heben sie über ihre Körpermitte oder ganz hoch über ihren Kopf. Mühsam balancieren sie die langen Rohre, während das sanfte Flöten der hohlen Stöcke den Klang des Raumes bestimmt. Immer wieder ordnen sich die Performer* neu an, suchen ihre neue Position. Das ist gar nicht so einfach, denn die Metallstäbe sind sehr unhandlich. Sie halten sie wie ein Schwert, fíxieren sie an ihren Enden zu einem ganz langen Stabgebilde und trennen sie wieder. Als sie sich schließlich von den Stöcken lösen, bemerken sie, dass die Schwere von ihnen ausgeht.

Thiago Granatos „The Sound They Make When No One Listens“ stellt die Frage, was passieren würde, wenn wir unser Handeln so aufeinander abstimmen würden, dass wir alle Raum füreinander hätten. Hätten wir dann mehr oder weniger Raum?

Ein Archipel für neue Lebensformen

Stephanie Thiersch und Brigitta Muntendorf leben eine ganz andere Utopie. Sie erschaffen ein „Archipel – Ein Spektakel der Vermischungen“, um in einer völlig neuen (Klang-)Welt jeder Lebensform Platz einzuräumen. Was auf einer dunklen Bühne in den Räumen der MaHalla beginnt, wird später zu einem bunten Fest.

Das futuristische Design stammt von Sou Fujimoto. Gerne lässt sich der Architekt von organischen und natürlichen Strukturen wie Höhlen oder Wäldern inspirieren, um kommunikative Orte zu schaffen. Teilweise funktionieren die unterschiedlich großen Tableaus auch als neuartige Musikinstrumente: Unter einer Scheibe befindet sich ein gläsernes Windspiel, eine andere erzeugt einen Ton, wenn sie schwingt, eine andere funktioniert als Schlagzeug. Durch Mikrofone wird selbst der leiseste Ton sehr laut.

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Im Laufe der Performance erfährt das Objekt viele (Ver-)wandlungen. Es ist Rückzugsort, animalische Gefahr und atmendes Organ. Die Körper verknüpfen sich miteinander, das Gebilde verwächst mit ihnen. Stephanie Thiersch selbst beschreibt Archipel als „eine Art Utopie, einen Planeten, einen Raum, den es noch zu erfinden gibt, in dem andere Dinge passieren können, in einem anderen Licht, in einem anderen Zusammensein.“

Thiersch und Muntendorf feiern ein „Spektakel der Vermischungen“ mit Licht- und Schattenspiel, wilden und sanften Bewegungen, ausgefallenen Kostümen und neohumanoidem Orchester, Bis das Gefühl der Faszination weicht und eine zarte, eindringliche Melodie erklingt.

Weitere Informationen

Thiago Granato „The Sound They Make When No One Listens“ wie auch „Archipel“ von Stephanie Thiersch und Brigitta Muntendorf wurden am Abschlusswochenende von „Tanz im August“ gezeigt. Das Festival fand von 6. bis 22. August 2021 statt. Insgesamt 14 Produktionen wurden In- und Outdoor gezeigt, unter anderem: Colette Sadler „ARK 1“ und Milla Koistinen „Breathe“.

Tanz im August 2021: Breathe – Zauber auf dem Sportplatz

Tanz im August 2021: Milla Koistinen: Breathe. Copyright: Dajana Lothert
Tanz im August 2021/Dajana Lothert. Milla Koistinen: Breathe

Nähe ist in der Pandemie eine Herausforderung. Mit „Breathe“ überwindet Milla Koistinen bei „Tanz im August“ mit Hilfe von zwei riesigen Ballons den Abstand zum Publikum.

Performance mit Kopfhörern

Die Vorbereitung des Stückes trifft jeder individuell. Mit der Eintrittskarte erwirbt man zugleich ein Soundfile. Indem das Publikum die gleiche Bühne betritt wie die Performerin selbst, wird es selbst zum Akteur. Auf dem Feld kann sich jeder frei bewegen, nur der rot-pinke und der violette Ballon dürfen nicht berührt werden. Einige Menschen machen Selfies mit den bunten Ballons, als wären sie (Fußball-)Stars, denen man endlich begegnen würde. Doch es dauert eine Weile, bis jeder seinen Platz gefunden hat. Ob sitzend, liegend oder stehend ist jedem selbst überlassen.

Stille Siegerposen

Ein Anpfiff markiert den Beginn des Stückes. Dann startet jeder das dazugehörige Soundfile auf seinem individuellen Gerät. Man hört Vogelzwitschern, eine Fahrradklingel und leises Gesprächsmurmeln und ferne Geräusche aus dem Stadion. Langsam löst ein meditativer Grundton die menschlichen Geräusche ab. Ein leises Lachen. Die Musik wird lauter und bildet einen Spannungsbogen. In bedächtigen Schritten läuft Koistinen über die Mittellinie auf das Tor zu. Sie stoppt und blickt in die Ferne. Würde sie ein Tor schießen, würde ihr niemand zujubeln. Mit kraftvollen langsamen Bewegungen ahmt sie Siegerposen nach und fällt auf die Knie. Ihr stilles Spiel ruft Erinnerungen hervor. Das Geräusch von angestrengtem Atmen. Nimmt man die Kopfhörer ab, ist es plötzlich still und Koistinen wirkt auf dem riesigen Platz verloren. Setzt man die Kopfhörer auf ist man man wieder zurück in der Szene. Koistinen nähert sich einem Ballon, verschwindet in der Ballonseide, taucht wieder auf und fällt in den weichen Stoff.

Ballons als Spielpartner

Die Entscheidung, die Ballons in das Spiel einzubeziehen, ist schlau. Durch sie lenkt Koistinen die Menge geradezu. Denn die Ballons bleiben nicht, wie man vermuten könnte, auf einer Stelle, sie zieht sie mit sich. Die Gruppe weicht ihr aus und teilt sich, um ihr Platz zu schaffen. Plötzlich ist man nicht mehr allein, sondern bewegt sich wie ein Fischschwarm gemeinsam. Immer achtsam, um einander nicht zu berühren. Jeder entscheidet selbst, wie nah er dem Geschehen sein möchte. Die Performance lebt von den ungeplanten Momenten, die im Zusammensein passieren.

Ganz fasziniert ahmt ein kleines Mädchen Koistinen nach. Wie die Choreografin streckt sie die Arme in die Höhe, zieht die finnische Performerin an dem Ballon, um ihn auf eine andere Position zu bringen, läuft sie mit. „Stay, stay, stay“ schallt es durch den Kopfhörer. „Raise your hands“. Der Beat ist gleichmäßig. Wäre man im Club, würde man dazu tanzen. „And you breathe and you listen“. Je langer sich Koistinen bewegt, umso ruhiger wird man selbst. Bis sie schließlich den Sportplatz verlässt und im Dunkel der Nacht verschwindet. Dann kommt der Alltag zurück. Als hätte das Stück nie stattgefunden.

Weitere Informationen

Koistinen zeigte „Breathe“ am Abschlusswochenende von „Tanz im August“. Das Festival fand von 6. bis 22. August 2021 statt. Insgesamt 14 Produktionen wurden In -und Outdoor gezeigt, unter anderem: Colette Sadler „ARK 1“, Thiago Grananto „The Sound They Make When No One Listens“ und Stephanie Thiersch & Brigitta Muntendorf „Archipel“.

Tanz im August 2021: „You cannot expect the dancer to go wild“

Colette Sadler. Copyright: Mikko Gaestel
Portrait Colette Sadler. Copyright: Mikko Gaestel

How can you make a human artificial? Choreograph Colette Sadler shows the answer in „ARK 1“. She tells the story of a lost cyborg in the dance piece as part of „Tanz im August“.

Colette, what is your personal approach to a a piece?

My choreographic work is conceptionally motivated. Throughout my works there have been two major thematics that I have dealt with in different ways. My earlier works focus on notions of hybridity, identity and otherness in relation to bodies and objects. In more recent works I focus on the relationship between bodies, digitality and virtual space. My approach starts with thinking about an idea then expanding those ideas into different media including (primarily) dance, visual images, text and sound. In this way my work can be understood as interdisciplinary, during the creation process I weaved layers of meaning using different media.

What was your recent research about?

I have been dancing all my life. The core of all my work is movement based. For “ARK 1” and my last two pieces “Learning from the Future” and “Temporary Store” I worked with the performer Leah Marojevic from London. Together we developed movement and choreography centering on understanding movement and its relation to technology. We developed a series of cyborgian figures for whom virtuosity becomes a translation of non human and a new internal “technology” based in dance. By analyzing all the aspects of the physical body, it was almost like a perspective from technology itself. And I used techniques to emphasize the artificiality of the body like speeding up, slowing down, rewinding.

I used techniques to emphasize the artificiality of the body

What inspired you to “ARK 1”?

My interest in sci-fi narrative, visions and different concepts of time was my starting point. The piece references sci-fi-movies such as Stanley Kubricks “Space Odyssey” and Ridley Scotts “Alien”. The costume of the cyborg is inspired by the jumpsuit Sigourney Weavers wears in the movie ”Alien”.  For “ARK 1” I was interested in feminist perspectives and articulating new narratives for women in relation to technology and space travel. The spoken text was written with the aid of artificial intelligence. It’s about cyborgian technology on the verge of obsolence after centuries of space travel.

Cyborg. Videostill „ARK 1“ by Colette Sadler and Mikko Gaestel

What can we expect from the piece?

“ARK 1” is an immersive video installation and performance intended for museum space. The first part is a sci-fi narration film that tells the story of the fictional bio-tech company VESSELS Inc. who launched the ARK as part of the Earths “Great Preservation Project”. The performance is a hallucinatory visual poem danced by Leah Marojevic on a rug. You cannot expect the dancer to go wild.

With “Strange Garden” you release another performance in august. How are they related?

“Strange Garden” is a piece for young audience. It portrays a living landscape made with objects from everyday life that transform to strange organic beings. “ARK 1” has a core fictional project based around the idea of synthetic life systems. So both works consider future nature in the absence of human life. If the earth would be no longer a place where we could live and which forms of life would still be there?

Further information:

„ARK 1“ will be shown on august 13th-16th at Tanz im August (St.Elisabeth-Kirche, Invalidenstr. 3, 10115), „Strange Garden“ will be shown at PURPLE- Internationales Tanzfestival für junges Publikum („Theater an der Parkaue“) on august 21rst, 22nd.