Tanz im August 2021: Breathe – Zauber auf dem Sportplatz

Tanz im August 2021: Milla Koistinen: Breathe. Copyright: Dajana Lothert
Tanz im August 2021/Dajana Lothert. Milla Koistinen: Breathe

Nähe ist in der Pandemie eine Herausforderung. Mit „Breathe“ überwindet Milla Koistinen bei „Tanz im August“ mit Hilfe von zwei riesigen Ballons den Abstand zum Publikum.

Performance mit Kopfhörern

Die Vorbereitung des Stückes trifft jeder individuell. Mit der Eintrittskarte erwirbt man zugleich ein Soundfile. Indem das Publikum die gleiche Bühne betritt wie die Performerin selbst, wird es selbst zum Akteur. Auf dem Feld kann sich jeder frei bewegen, nur der rot-pinke und der violette Ballon dürfen nicht berührt werden. Einige Menschen machen Selfies mit den bunten Ballons, als wären sie (Fußball-)Stars, denen man endlich begegnen würde. Doch es dauert eine Weile, bis jeder seinen Platz gefunden hat. Ob sitzend, liegend oder stehend ist jedem selbst überlassen.

Stille Siegerposen

Ein Anpfiff markiert den Beginn des Stückes. Dann startet jeder das dazugehörige Soundfile auf seinem individuellen Gerät. Man hört Vogelzwitschern, eine Fahrradklingel und leises Gesprächsmurmeln und ferne Geräusche aus dem Stadion. Langsam löst ein meditativer Grundton die menschlichen Geräusche ab. Ein leises Lachen. Die Musik wird lauter und bildet einen Spannungsbogen. In bedächtigen Schritten läuft Koistinen über die Mittellinie auf das Tor zu. Sie stoppt und blickt in die Ferne. Würde sie ein Tor schießen, würde ihr niemand zujubeln. Mit kraftvollen langsamen Bewegungen ahmt sie Siegerposen nach und fällt auf die Knie. Ihr stilles Spiel ruft Erinnerungen hervor. Das Geräusch von angestrengtem Atmen. Nimmt man die Kopfhörer ab, ist es plötzlich still und Koistinen wirkt auf dem riesigen Platz verloren. Setzt man die Kopfhörer auf ist man man wieder zurück in der Szene. Koistinen nähert sich einem Ballon, verschwindet in der Ballonseide, taucht wieder auf und fällt in den weichen Stoff.

Ballons als Spielpartner

Die Entscheidung, die Ballons in das Spiel einzubeziehen, ist schlau. Durch sie lenkt Koistinen die Menge geradezu. Denn die Ballons bleiben nicht, wie man vermuten könnte, auf einer Stelle, sie zieht sie mit sich. Die Gruppe weicht ihr aus und teilt sich, um ihr Platz zu schaffen. Plötzlich ist man nicht mehr allein, sondern bewegt sich wie ein Fischschwarm gemeinsam. Immer achtsam, um einander nicht zu berühren. Jeder entscheidet selbst, wie nah er dem Geschehen sein möchte. Die Performance lebt von den ungeplanten Momenten, die im Zusammensein passieren.

Ganz fasziniert ahmt ein kleines Mädchen Koistinen nach. Wie die Choreografin streckt sie die Arme in die Höhe, zieht die finnische Performerin an dem Ballon, um ihn auf eine andere Position zu bringen, läuft sie mit. „Stay, stay, stay“ schallt es durch den Kopfhörer. „Raise your hands“. Der Beat ist gleichmäßig. Wäre man im Club, würde man dazu tanzen. „And you breathe and you listen“. Je langer sich Koistinen bewegt, umso ruhiger wird man selbst. Bis sie schließlich den Sportplatz verlässt und im Dunkel der Nacht verschwindet. Dann kommt der Alltag zurück. Als hätte das Stück nie stattgefunden.

Weitere Informationen

Koistinen zeigte „Breathe“ am Abschlusswochenende von „Tanz im August“. Das Festival fand von 6. bis 22. August 2021 statt. Insgesamt 14 Produktionen wurden In -und Outdoor gezeigt, unter anderem: Colette Sadler „ARK 1“, Thiago Grananto „The Sound They Make When No One Listens“ und Stephanie Thiersch & Brigitta Muntendorf „Archipel“.