„Rechte sehen nicht mehr rechts aus“

Regisseur Christian Schwochow. Foto: André Röhner
Regisseur Christian Schwochow. Foto: André Röhner

Kann sich unsere Geschichte wiederholen? Regisseur Christian Schwochow („Der Turm“, „Deutschstunde“) zeichnet in dem Kinothriller „Je suis Karl“ eine erschreckende Dystopie, die gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist.

Herr Schwochow, ohne zu spoilern: worum geht’s in „Je suis Karl“?

Das ist gar nicht so einfach, das so knapp zusammenzufassen. In „Je suis Karl“ geht’s um Maxi (Lunda Wedler), eine junge Frau, die in Friedrichshain, dem offensten und liberalsten Berliner Bezirk aufwächst. Sie begegnet dem Studenten Karl (Jannis Niewöhner) kurz nachdem sie durch eine Paketbombe ihre Mutter und ihre zwei Brüder verloren hat. Karl reicht ihr die Hand und lädt sie ein, ihm nach Prag zu folgen, wo er Teil einer scheinbar offenen Gruppierung ist. Maxi vertraut Karl und ahnt nicht, dass sie Teil seines radikalen Plans ist. 

Der Titel „Je suis Karl“ erinnert an die „Je suis Charlie“-Bewegung. Ist das Zufall oder Absicht?

Es war eine Eingebung. „Je suis Charlie“ dockt an den europäischen Gedanken an und wurde universell aufgegriffen. Die rechte Bewegung schreckt nicht davor zurück, sich auch diesen Begriff zu eigen zu machen.

Warum haben Sie sich entschieden, den Film dort spielen zu lassen, wo Sie und Drehbuchautor Thomas Wendrich selbst wohnen…

Wir wollten einen Film machen, der an die eigenen Gewissheiten geht. Der fragt: Wie offen bin ich wirklich und wie viel Rassismus steckt in mir? Ich habe das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren vieles nach rechts verschoben hat. Man darf Dinge sagen, denen nicht widersprochen wird, obwohl das für fünf, sechs Jahren noch undenkbar war.

Was zum Beispiel?

Viele Menschen reden von „den Flüchtlingen“ – als wären das Menschen ohne Biografie, eine einheitliche Masse. Dass Asylbewerber eine Gefahr für Deutschland und unseren Wohlstand sind, wird oft gesagt – und in dieser Undifferenziertheit nicht widersprochen. Ich wollte das ganz nah an uns ranholen. Deswegen fängt die Geschichte genau dort an, wo wir herkommen. Es ist ein Film über Trauma und Hass – jede Szene ist intensiv. Das war am Set jeden Tag schmerzhafte Arbeit für das ganze Team.

Warum entfaltet „Je suis Karl“ so eine Wucht?

Wichtig war mir, zu fragen, was passiert, wenn eine rechte Bewegung eine sehr charismatische Person hervorbringt. So jemanden wie Greta oder Obama, nur von Ultrarechts. Wer wäre verführbar? Wir lieben politische Idole in Deutschland, aber wir haben keine. Wenn jemand mit Charisma, Schlauheit und Verführungskraft käme, dann Gnade uns Gott. Jannis sieht sehr gut aus, er ist bescheiden, zurückgenommen und bodenständig. Wenn man das mit der Figur des Karl paart, der gebildet, sprachgewandt, schnell und scheinbar empathisch ist, dann wird es spannend.

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„Je suis Karl“ holt die Geschichte einer Machtergreifung in die Jetztzeit. Welcher Teil Ihrer Vergangenheit hat Sie so geprägt, dass Sie der politisch-brisante Filmemacher sind, der sie jetzt sind?

Zum einen bin ich in der DDR geboren. Meine Eltern waren politisch und waren in der Berliner Kunst—und Theaterszene verwurzelt, bei uns waren immer Leute zu Hause, die in der Küche miteinander über Politik geredet haben. Der Zustand der DDR wurde immer kommentiert. Das war nicht so, dass alle krasse Regimegegner waren, die das Land gehasst haben, in dem wir gelebt haben, sondern es wurde sich auseinandergesetzt. Ich war acht Jahre alt und habe all die Diskussionen mitbekommen.

Wie hat das Ihre Kindheit verändert?

Durch den Ausreiseantrag meiner Eltern und durch die Zeit vor dem Mauerfall, in der wir in der Gethsemane-Gemeinde im Prenzlauer Berg bei all den Mahnwachen dabei waren und ich als Elfjähriger Teil von Weltgeschichte wurde, ist mir eine Zeit geschenkt worden, die ich nie vergessen habe. Damals habe ich verstanden: Wenn Menschen sich zusammenschließen, dann kann etwas verändert werden.. Heute habe ich das Gefühl, die anderen sind laut, also muss ich auch laut sein. Deswegen ist „Je suis Karl“ auch ein lauter Film geworden.

Vor „Je suis Karl“ haben Sie den ersten Teil von „Mitten in Deutschland: NSU“ gedreht. Kann man sagen, dass die NSU-Trilogie ein Vorreiter von „Je suis Karl“ ist?

Ganz bestimmt. Ich habe als ich 20 war, als Fernsehjournalist gearbeitet. Auch da habe ich mich schon mit Rechtsextremismus in den verschiedensten Spielarten beschäftigt. Rechte sehen nicht mehr rechts aus. Sie sehen teilweise aus wie Leute von der Antifa oder ganz bunt, hip und divers wie ich sie im Film darstelle. Man hat damals den NSU unterschätzt, die Polizei ist damals gar nicht auf die Idee gekommen, im rechtsradikalen Milieu zu ermitteln. Es gab und gibt starke Verbindungen von Staatsorganen und der rechten Szene. Heute definiert sich die AfD als „das Neue normal.“ Das ist etwas, was mir sehr Angst macht und deswegen wollte ich mit „Je suis Karl“ in die Zukunft schauen.

Ordnen sich Parteien einer politischen Ausrichtung zu oder sind die Begriffe rechts, links nicht mehr aktuell?

Viele Parteien merken, dass die Begriffe links und rechts negativ behaftet sind, auch die Grünen erklären sich nicht mehr als klar links. Ich glaube, dass darin eine Gefahr besteht. Es ist schwieriger sich zu orientieren, wofür eine Partei steht. Wenn ich mir ankucke, wer bei der Querdenkenbewegung unter einem Dach gemeinsam marschiert, von Impfgegnern bis hin zur Coronaleugnern bis hin zu Reichsbürgern. Die rechten Parteien haben es verstanden, dass man Unzufriedenheiten aller Art kanalisieren kann. Sie nennen sich heute Patrioten und ordnen sich als konservativ ein. Den Begriff rechts vermeiden sie, sind es aber. Man muss Rechtsradikalismus beim Namen nennen.

Fünf Jahre lang haben Sie an „Je suis Karl“ gearbeitet. Inwiefern hat die Arbeit an „Je suis Karl“ Ihren Blick auf die politische Landschaft verändert?

Es gibt Leute, die darauf warten, dass Unruhe ausbricht, so wie es in Washington passiert ist, als das Kapitol gestürmt wurde. Damals sind vier Leute umgekommen. Während wir an „Je suis Karl“ gearbeitet haben, sind Dinge passiert, die wir nicht für möglich gehalten haben. Der Anschlag am Breitscheidplatz, Halle, Hanau, der Mord an Walter Lübke. Die Einschläge kamen immer näher. Das Tempo in der ganzen Welt hat sich verändert.

Wo steht das politische Kino heute und was muss man leisten, um einen politischen Film so aufzubereiten, dass er berührt und zum Nachdenken anregt?

Gerade in den Zeiten von Netflix und Co. muss man gute Unterhaltung anbieten. In Deutschland wird immer noch in ernsthafte und unterhaltende Kunst getrennt, der Film kann beides. Ich wollte einen modernen Film machen, der zugänglich ist, ohne platt zu sein und der im Jetzt spielt. Es ist ganz leicht für mich, Leute zu erreichen, die ohnehin meiner Meinung sind. Ich will aber in die Schulen, ich will in die Jugendvereine, ich will dass Eltern mit ihren Kindern in den Film gehen und auch ohne ihre Kinder. Es ist kein Zufall, dass der Film kurz vor der Bundestagswahl startet.

Weitere Informationen
„Je suis Karl“ startet am 16. September im Kino. Ein Artikel über „Je suis Karl“ mit Zitaten von Christian Schwochow erschien am 12. September in BILD am SONNTAG. Der Artikel wurde auf Basis dieses Interviews mit Schwochow geschrieben. „Je suis Karl“ feierte seine Premiere auf der 71. Berlinale in der Sektion Berlinale Special Gala. Der Film ist in vier Kategorien für den deutschen Filmpreis nominiert. Die Kategorien: bester Spielfilm, beste weibliche Hauptrolle (Luna Wedler), beste männliche Hauptrolle (Jannis Niewöhner), beste männliche Nebenrolle (Milan Peschel)

„There are billions of types of silence“

A Symphony Of Noise: Matthew Herbert. Copyright: Rise And Shine Cinema
Foto: Rise and Shine Cinema / Matthew Herbert

Did you ever wonder what an apple sounds like, what noise a fried trumpet makes and how to sample a pig? The documentary „A Symphony of Noise“ invites us to experience the inspiring world of soundartist Matthew Herbert.

Mr. Herbert, how would you describe what you do?

I don`t really know. It changes all the time. About three years ago I decided to call myself an artist. But sounds a little pretentious because music is an invisible art form and it floats above. Last year I`ve finished my PHD so I called myself a composer as well. There is such a revolution happening in music. No one describes it like that. Music used to be a form of impressionism, you wanted to make a piece about a pig and you had to imitate it with an instrument. Now you can record the pig!

In 2005 you released the manifesto “The personal contract for the composition of music (incorporating the manifest of mistakes)“. One of the rules: No pre-existing sound! Why did you release it?

In my life there are two things happening. One is the artistic process and the other part is the everyday logistics of being a professional musician. For example, I am DJing on big saturday night parties and I want to play the sounds of plastic bags, melting icebergs, student protests and cars on fire. The audience isn`t always ready, what it means to suddenly hear new noises. So it becomes a real struggle, on the one hand I`ve been given the keys to the universe, but on the other hand I wasn`t really ready to know how to deal with it. I wrote the manifesto to remember the liberation and not to be pulled back to the status quo. You don`t need to use the drum machine, or synthesizers, that`s not the revolution! You can now make drums out of sounds of the Oktoberfest or a car crushing into a wall. That`s where should be with your focus!

I want to play the sounds of plastic bags, melting icebergs,

student protests and cars on fire

… and you also published the book “the music. A novel through sound”. What is it about and why did you publish it?

It is about the world as I hear it. As if one could remove ears from one’s head and send them around the world to hear oyster being shucked at the same time or every corrupt judge going to bed at night one after another. The end result is a description of a record I’ll never make.

Your research on sounds began years ago. What was the first noise you`ve discovered…

I worry it’s too biblical, but I my first noise was the sound of biting into an apple in 1999. It was a really strange noise. A year ago I recorded an apple again and slowed it down and then I realized: it sounded exactly like the tree falling down, I`ve also recorded! It`s the same thing. The fibers are pulling apart. It feels like looking down an electro microscope. You suddenly hear the world in a complete new way. It’s like you hear time stopping.

What was your most surprising discovery?

It was probably when I tried to record 25 000 chickens hatching on a commercial chicken farm. They are the same breed, the same age and they hatch exactly the same second. I was expecting the incredible sound of little bird beaks inside an egg, but actually all you heard was the sound of a bird multiplied by 25 000 thousand and the fans that kept the room at exactly 99 degrees. An unpleasantly boring sound. I was expecting it to be the sound of life emerging, but of course there is nothing romantic about raising chickens. They are raised in horrible conditions, they have never seen daylight, they live 30 days and then they get killed. I thought I was gonna witness the beginning of time, instead it was unpleasant industrialized farming I`ve heard instead. Initially I was really disappointed, but music is also a form of documentary and I`ve discovered the real story! It was very moving, but it took me three weeks to really understand the implications.

I thought I was gonna witness the beginning of time

The one-pig-album from 2011 is about the life of a pig until its death at the slaughterhouse and the meal afterwards. PETA had critized the cruelty of your act. Was it an act of provocation?

Yes, definitely, but I absolutely reject the idea that what I did was cruel. I was just there to bear witness to this pigs life. I didn’t kill it. This pig was a farmers pig. It didn’t belong to me. It was born to be eaten. If PETA found the idea of witnessing this pigs life cruel then I think it tells you more about them then it tells you about me. One of the things I loved most about this record is that over ten years later we are still talking about this pig! If I hadn’t have done this record nobody would remember the life of this pig. I still feel very positive and strongly about it. I thought, PETA would be pleased, because people can get to hear what it like to be a pig and how short their life might be.

So what does it tell us about PETA?

I have a real problem with PETA anyway, I find that they have a very romantic idea of the natural world which I totally don’t recognize. Their logo is this fluffy bunny in a sort of WHITE vacuum. I live on farm where you see all sort of things like chickens attacking mice. Even the mother of the pig first tried to kill it because she didn’t know what it was. In the natural world is so much friction between life and death. It’s not black and white in the way they represent it. That’s not my experience of it at all.

Is silence also sound?

It is. There are billions of types of silence. The silence, when you are waiting for the light of the traffic lights to go green, the silence in the end of a beautiful concert just before everybody starts clapping and there is also a new silence which is the silence of life which should be there, but isn’t anymore . There are less birds then there were a year ago. Every year swallows fly to South Africa, in spring they come back. Only one third of the swallows came back to my farm. Next to my last house, there was a beautiful tree. All the birds used to sit in the top of the tree. My next door neighbor wanted to build a house on the property, so they chopped the tree down, but it was impossible to build a house there, so the tree could have stayed up. There is horrible silence, where this tree with all this life used to be, but is no longer there.

Why do you live on a farm?

I couldn’t take the sound of the city anymore. When I started to listen properly to all the sirens it became really upsetting and difficult to live with. I don’t like living in England right now. I don’t like the sound of life like everything is going normal in this country, because it is not. We are in a crisis and we have been in a crisis for a while now. I was in Berlin recently and I found it quite sad to be in Berlin. You don`t really have a really awful government like we do, you don’t have Brexit and the place sounded more optimistic too me and it felt like there is more vision. But of course Germany is not an utopian place.

Before Brexit you had formed an international “Big Brexit Band” and produced “the State between us” about what it means to be British. What was the message behind that?

I felt and I still feel European, I`ve been to Berlin a hundred times more than I have been to Birmingham, where my mum was born. I`ve spent my whole adult life in Europe working, sharing ideas, falling in love. How is Brexit making our lives better? It was the wrong question asked at the wrong time in the wrong way and the answer was wrong as well. I wanted to be part of the conversation. I wanted to create some kind of document, I wanted to express solidarity, I wanted to say stand up for the things that I think are important like values of compassion, values of collaboration, love, kindness, openness, creativity and decency. Over two years I had a thousand people playing music and singing in the big band. We all have very different opinions, its not a cult. When we wanna survive as a species we have to work together and if not we don`t gonna die separately. The biggest test to that is climate change, Brexit is just a side show.

As soon as you fry something it becomes British

You`ve also deep fried a trumpet when you recorded this very album. Why did you do that?

First of all it’s a bit ridiculous and I think being British is a bit ridiculous. The English flag with the red cross has a French tradition behind it, our patron saint St. George is actually from turkey, the fish served as fish and chips is often from Iceland , the potatoes are often not grown in the UK. The soon as you scrap the surface, there is almost nothing British! So it was just me showing the absurdity what it means to be British. And there is something about the idea as soon as you fry something it becomes British. So why not frying a trumpet?

On one of your concert you surprised the audience with the sound of your tooth being pulled out of your mouth. Did your dentist know that you will be on tape?

Yes. I asked my dentist to record it. He was both confused and amused. After I had my second child I had a vasectomy. I have a recording of that as well. Maybe that could be on the next record. We will see. That’s what I like about sound. You have this friction. You don’t have this friction when you play the guitar or the piano.

Is there a sound you would never produce?

I thought about it a lot. When I was in Manhattan on the September 11th in 2001, I had a concert that night. I was recording on the roof when one of the towers collapsed. I was a few blocks away, so in the sound there is a moment when a few thousand people died. A lot of people talked about that sound. We have seen videos of that event thousands of times. What’s different about sound? It feels different, but is it appropriate to turn that into music? I really understand that a lot of people were very against it and I am not sure, if I should turn it into music, but I don’t know why it’s different from a video recording. What are the ethics of doing that? If you just gonna put it into a pop song and talk about your love of rabbits then it’s really insulting whereas if you are trying to create memorial of sound as there is more scope to do something sensitive or valuable. In many ways that’s what my PHD was about trying to think about those questions. It’s something that we negotiate together.

More information

„A Symphony of Noise“ about soundartist Matthew Herbert startet on september 2nd in the cinema.
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Tanz im August 2021: Stille und Spektakel

Tanz im August 2021: Stephanie Thiersch und Brigitta Muntendorf. Archipel. Copyright: Dajana Lothert
Foto: Tanz im August 2021/Dajana Lothert. "Archipel - ein Spektakel der Vermischungen"

Ein vielfältiges „Tanz im August“-Festival geht zu Ende. Für den einen fast lautlos, für den anderen mit Pomp und Trara. Stephanie Thiersch und Brigitta Muntendorf wählen mit „Archipel“ eine klingende Utopie, der brasilianische Tanzkünstler Thiago Granato hingegen macht Stille hörbar.

Räume durch Achtsamkeit

Acht metallene Säulen unterteilen den Tanzraum von Granatos „The Sound That No One Listens“ in den Sophiensaelen . Drei Tänzer* teilen sich die Bühne, jeder von ihnen trägt einen körperlangen Stock. Sie könnten sich, um einander keinen Raum wegzunehmen, trennen und doch wählen sie den anderen Weg. Gemeinsam versuchen sie, durch mal schlängelnde, mal kriechende Bewegungen aufeinander zu achten.

Der Klang der Schwere

Die Stöcke nehmen sie zur Seite, heben sie über ihre Körpermitte oder ganz hoch über ihren Kopf. Mühsam balancieren sie die langen Rohre, während das sanfte Flöten der hohlen Stöcke den Klang des Raumes bestimmt. Immer wieder ordnen sich die Performer* neu an, suchen ihre neue Position. Das ist gar nicht so einfach, denn die Metallstäbe sind sehr unhandlich. Sie halten sie wie ein Schwert, fíxieren sie an ihren Enden zu einem ganz langen Stabgebilde und trennen sie wieder. Als sie sich schließlich von den Stöcken lösen, bemerken sie, dass die Schwere von ihnen ausgeht.

Thiago Granatos „The Sound They Make When No One Listens“ stellt die Frage, was passieren würde, wenn wir unser Handeln so aufeinander abstimmen würden, dass wir alle Raum füreinander hätten. Hätten wir dann mehr oder weniger Raum?

Ein Archipel für neue Lebensformen

Stephanie Thiersch und Brigitta Muntendorf leben eine ganz andere Utopie. Sie erschaffen ein „Archipel – Ein Spektakel der Vermischungen“, um in einer völlig neuen (Klang-)Welt jeder Lebensform Platz einzuräumen. Was auf einer dunklen Bühne in den Räumen der MaHalla beginnt, wird später zu einem bunten Fest.

Das futuristische Design stammt von Sou Fujimoto. Gerne lässt sich der Architekt von organischen und natürlichen Strukturen wie Höhlen oder Wäldern inspirieren, um kommunikative Orte zu schaffen. Teilweise funktionieren die unterschiedlich großen Tableaus auch als neuartige Musikinstrumente: Unter einer Scheibe befindet sich ein gläsernes Windspiel, eine andere erzeugt einen Ton, wenn sie schwingt, eine andere funktioniert als Schlagzeug. Durch Mikrofone wird selbst der leiseste Ton sehr laut.

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Im Laufe der Performance erfährt das Objekt viele (Ver-)wandlungen. Es ist Rückzugsort, animalische Gefahr und atmendes Organ. Die Körper verknüpfen sich miteinander, das Gebilde verwächst mit ihnen. Stephanie Thiersch selbst beschreibt Archipel als „eine Art Utopie, einen Planeten, einen Raum, den es noch zu erfinden gibt, in dem andere Dinge passieren können, in einem anderen Licht, in einem anderen Zusammensein.“

Thiersch und Muntendorf feiern ein „Spektakel der Vermischungen“ mit Licht- und Schattenspiel, wilden und sanften Bewegungen, ausgefallenen Kostümen und neohumanoidem Orchester, Bis das Gefühl der Faszination weicht und eine zarte, eindringliche Melodie erklingt.

Weitere Informationen

Thiago Granato „The Sound They Make When No One Listens“ wie auch „Archipel“ von Stephanie Thiersch und Brigitta Muntendorf wurden am Abschlusswochenende von „Tanz im August“ gezeigt. Das Festival fand von 6. bis 22. August 2021 statt. Insgesamt 14 Produktionen wurden In- und Outdoor gezeigt, unter anderem: Colette Sadler „ARK 1“ und Milla Koistinen „Breathe“.

Tanz im August 2021: Breathe – Zauber auf dem Sportplatz

Tanz im August 2021: Milla Koistinen: Breathe. Copyright: Dajana Lothert
Tanz im August 2021/Dajana Lothert. Milla Koistinen: Breathe

Nähe ist in der Pandemie eine Herausforderung. Mit „Breathe“ überwindet Milla Koistinen bei „Tanz im August“ mit Hilfe von zwei riesigen Ballons den Abstand zum Publikum.

Performance mit Kopfhörern

Die Vorbereitung des Stückes trifft jeder individuell. Mit der Eintrittskarte erwirbt man zugleich ein Soundfile. Indem das Publikum die gleiche Bühne betritt wie die Performerin selbst, wird es selbst zum Akteur. Auf dem Feld kann sich jeder frei bewegen, nur der rot-pinke und der violette Ballon dürfen nicht berührt werden. Einige Menschen machen Selfies mit den bunten Ballons, als wären sie (Fußball-)Stars, denen man endlich begegnen würde. Doch es dauert eine Weile, bis jeder seinen Platz gefunden hat. Ob sitzend, liegend oder stehend ist jedem selbst überlassen.

Stille Siegerposen

Ein Anpfiff markiert den Beginn des Stückes. Dann startet jeder das dazugehörige Soundfile auf seinem individuellen Gerät. Man hört Vogelzwitschern, eine Fahrradklingel und leises Gesprächsmurmeln und ferne Geräusche aus dem Stadion. Langsam löst ein meditativer Grundton die menschlichen Geräusche ab. Ein leises Lachen. Die Musik wird lauter und bildet einen Spannungsbogen. In bedächtigen Schritten läuft Koistinen über die Mittellinie auf das Tor zu. Sie stoppt und blickt in die Ferne. Würde sie ein Tor schießen, würde ihr niemand zujubeln. Mit kraftvollen langsamen Bewegungen ahmt sie Siegerposen nach und fällt auf die Knie. Ihr stilles Spiel ruft Erinnerungen hervor. Das Geräusch von angestrengtem Atmen. Nimmt man die Kopfhörer ab, ist es plötzlich still und Koistinen wirkt auf dem riesigen Platz verloren. Setzt man die Kopfhörer auf ist man man wieder zurück in der Szene. Koistinen nähert sich einem Ballon, verschwindet in der Ballonseide, taucht wieder auf und fällt in den weichen Stoff.

Ballons als Spielpartner

Die Entscheidung, die Ballons in das Spiel einzubeziehen, ist schlau. Durch sie lenkt Koistinen die Menge geradezu. Denn die Ballons bleiben nicht, wie man vermuten könnte, auf einer Stelle, sie zieht sie mit sich. Die Gruppe weicht ihr aus und teilt sich, um ihr Platz zu schaffen. Plötzlich ist man nicht mehr allein, sondern bewegt sich wie ein Fischschwarm gemeinsam. Immer achtsam, um einander nicht zu berühren. Jeder entscheidet selbst, wie nah er dem Geschehen sein möchte. Die Performance lebt von den ungeplanten Momenten, die im Zusammensein passieren.

Ganz fasziniert ahmt ein kleines Mädchen Koistinen nach. Wie die Choreografin streckt sie die Arme in die Höhe, zieht die finnische Performerin an dem Ballon, um ihn auf eine andere Position zu bringen, läuft sie mit. „Stay, stay, stay“ schallt es durch den Kopfhörer. „Raise your hands“. Der Beat ist gleichmäßig. Wäre man im Club, würde man dazu tanzen. „And you breathe and you listen“. Je langer sich Koistinen bewegt, umso ruhiger wird man selbst. Bis sie schließlich den Sportplatz verlässt und im Dunkel der Nacht verschwindet. Dann kommt der Alltag zurück. Als hätte das Stück nie stattgefunden.

Weitere Informationen

Koistinen zeigte „Breathe“ am Abschlusswochenende von „Tanz im August“. Das Festival fand von 6. bis 22. August 2021 statt. Insgesamt 14 Produktionen wurden In -und Outdoor gezeigt, unter anderem: Colette Sadler „ARK 1“, Thiago Grananto „The Sound They Make When No One Listens“ und Stephanie Thiersch & Brigitta Muntendorf „Archipel“.