Kann Lärm Musik sein?

Kann Lärm Musik sein? Carl Schilde. Copyright: Jon Stanley Austin
Carl Schilde. Copyright: Jon Stanley Austin

„Heavy Listening“ nennt sich Carl Schildes und Anselm Venezian Nehls Label. Musik wird hier zur Kunst, ein Sinuston zur limitierten Platte. Auch die Twitterwall vertonten die beiden und machten Kunst mit getunten Autos.

Erst verwandelten sie die Twitterwall unter dem Titel „Tweetscapes“ in Klänge und Bilder, dann folgte ein Tweetscapes-Konzert im Berghain mit Unterstützung von Jochen Arbeit („Einstürzende Neubauten“) und getunten Autos als Klangkörper. Anselm Venezian Nehls und Carl Schilde haben vieles im Sinn und alles unter ihrem Label „HEAVYLISTENING“. 2012 brachte Carl Schilde eine Platte heraus, die statt Musik nur einen Sinuston wiedergibt, sie wird nach wie verkauft. 

Wie bist Du eigentlich zur Klangkunst gekommen?

Seit 15 Jahren mache ich Musik. Ich habe in vielen Bands gespielt und bin viel auf Tournee gewesen, aber irgendwann war es mir einfach zu langweilig, in jeder Stadt das gleiche zu spielen. Dann kam mir der Gedanke, etwas zu machen, was nur an einem Ort zu einer bestimmten Zeit funktioniert.

Was ist der Unterschied zwischen Lärm und Klangkunst?

Also den Begriff Lärm gibt’s für mich nicht. Was man als Wohlklang bezeichnet, das ist alles nur konditioniert aus unserer Kindheit. Ich habe da entweder eine emotionale Reaktion zum Ton oder zum Klang, oder eben nicht.

Mit Anselm Venezian Nehls hast Du das Label „Heavy Listening gegründet. Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den „Heavy Listening-Projekten“?

Das verbindende Element ist unsere Persönlichkeit und wie wir die Welt sehen. Was wir als „Heavy Listening“ gerade machen sind „Sonic Experiences“ ‑ akustische Erlebnisse. Uns ist wichtig, dass halt ein Ereignis entsteht, wo Leute hingehen und am Ende irgendwie anders rauskommen. Wir machen Klangkunstpop. Anselm und ich verwenden Mechanismen des Pops. So verwenden wir auch wie bei einem Popsong Hooks, etwas, woran die Leute sich festhalten können, also richtige Gegenstände, zu denen sie vielleicht sogar eine emotionale Beziehung aufgebaut haben. Es geht darum, Sachen zu machen, die die Leute sofort faszinieren oder total aufregen. Doch sobald man sich mehr damit beschäftigt, merkt man erst die Komplexität des ganzen.

Welcher Gedanke steht hinter ihrem ersten Projekt „Tiefdruckgebiet“?

Es gibt Wettbewerbe unter Autobesitzern, wer das lauteste Auto mit den fettesten Basslautsprechern hat. Wir haben das abstrahiert und in eine konzertante Situation umgewandelt, so dass sich ein Auto als Klangkörper behauptet. Jedes Auto spielte eine Frequenz ab, die sich aus der Eigenresonanz des Autos ergab und dem Aufführungsort, der Schillerpromenade in Neukölln: Die

Autos sind rumgefahren, das Publikum konnte sich bewegen und hören, welche Schwingungen sich zwischen den Autos ergeben.

Und jetzt gibt’s so etwas Ähnliches in Form der WOW-Platte?

Genau, wir wollten ein Produkt haben, bei dem jeder zu Hause auch Subbass-Wellenfelder erschaffen kann. Irgendwann hat sich dann die Schallplatte als das pefekte Meduim dazu herrausgestellt. Bei Performancekunst gibt es ja am Ende selten ein Produkt, wie etwa ein Bild, das man dann einfach verkauft. Die Schallplatte ist also unser Gemälde, was wir 333 mal verkaufen.

Und wie funktioniert das?

Auf jeder Schallplatte ist der gleiche Sinuston drauf. Da aber kein Plattenspieler perfekt ist, wabert die Geschwindigkeit ein bisschen und es klingt leicht verstimmt. Wenn ich zwei Platten gleichzeitig abspiele, hört man sofort den Effekt der Schwebung und bei vier oder sechs wird dieses Subbass-Wellenfeld immer komplexer. Der Hörer kann beim Plattenspieler die Geschwindigkeit ändern, am Pitch spielen und die Platte berühren. Man hat den Ton selbst in der Hand.

Bei einer Liveaufführung der WOW-Platte durfte das Publikum an vier Plattenspielern hantieren. Wie waren die Reaktionen des Publikums?

Generell ist das Publikum bei so einer Bass-Sache zweigeteilt. Entweder fahren die Leute total darauf ab, die Musik körperlich zu spüren, oder sie sind total verunsichert. Sie sind desorientiert, weil man Bassfrequenzen nicht wirklich orten kann. In der Kirche waren die Reaktionen aber durchweg positiv, weil die meisten Leute wussten, auf was sie sich einlassen.

Hörst Du manchmal Deine eigene WOW-Platte?

Ich habe mir am Anfang eine Testpressung mit vier Platten machen lassen und viel rumgetestet: Wo sind die Grenzen und was kann ich damit machen? Da hatte ich also schon meine paar Monate Spielphase. Also ich hör`s nicht zum Schlafengehen: „Jetzt leg ich nochmal WOW auf“. Das passiert nicht.

Weitere Informationen

Die WOW-Platte hat einen Bassanteil von 99.99% und wird in limitierter Auflage von 333 Stück über die Webseite www.heavylistening.com vertrieben. Die Hälfte ist bereits verkauft. (Stand: 18. Dezember 2012). Aktueller Stand: Die Platte wird weiterhin verkauft.

Weiterhin schreibe ich selbstverständlich aktuelle Inhalte, einige Inhalte, die noch heute interessant sind, werden nach und nach hier hervorgehoben.

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