Tanz im August 2016: Hermaphroditer Bühnenpunk?

Enge Leopardenjeans, ein nackter knochiger Rücken und tonnenweise Haarspray auf blondierten Haaren. Silvia Calderoni sprüht sich in ihre Genderperformance “MDLSX”, Middlesex. Man könnte sagen, dass es hermaphroditer Bühnenpunk ist, aber Calderoni gehört keinem Geschlecht, sondern nur ihr selbst. Und das beweist sie eindrucksvoll.

Wir bestehen aus vielen Hälften

Calderoni schafft in ihrem Bühnensolo auf dem “Tanz im August”-Festival ein ganz eigenes Universum aus ausgewählten Indiesongs, Videos, Lichterspielen, Bühnenperformance und Poesie. “Wir bestehen alle aus vielen Teilen, vielen Hälften. Oft sogar aus Pflanzen oder aus Tieren.” Sie* nennt sie Veredelungen. Die sanfte italienische Stimme widerspricht Calderonis hagerer, burschikoser Erscheinung. Während sie ins Mikro spricht, entsteht ein Livevideo. Die Schauspielerin wird zu Iggy Pop mit wild abstehenden blonden Haaren. Ihr Bühnen-Ich sieht ihr Video-Ich wie in einem Spiegel. Der Spiegel ist rund.

Grelle Bilder im Kopf und auf der Bühne

Wenn Calderoni in pinkem Neonmini und gelbem Neonshirt mit angewinkelten Beinen im Dunkeln von sich spricht ist die Illusion perfekt. Das Bild einer schlanken Frau vereint sich mit der Stimme einer gefühlvollen Italienierin. Ein anderer Song. Sie faltet die silberne Fläche zu einem Dreieck. Ein Rollkoffer symbolisiert die Reise. Später wird sie dadurch ihr neues, in ihr schon immer verborgenes Ich finden. Doch davor wird sie noch viele Bilder im Kopf und auf der Bühne kreiieren und noch einige Songs abspielen.

Unfassbar aufwühlend

Die Playlist reicht von den Yeah, Yeah, Yeahs (“Despair”), The Dresden Dolls (“Coin-operated Boy”), Air (“Kelly watch the Stars”) bis hin zu The Smiths (“Let me get what I want”). Jeder Song offenbart eine neue Erfahrung: Wie Calderoni nach Worten suchte, um ein Mädchen, das für einen Jungen gehalten wird, zu beschreiben. Wie sie als Mann wiedergeboren wurde. Wie sie mit Meerjungfrauenflosse in einem Aquarium ihr neues Ich präsentierte und schließlich heimkehrte. Doch all diese Beschreibungen können nicht wiedergeben, was wirklich auf der Bühne passiert. “MDSLX” wühlt auf, gefällt, eckt an und regt vor allem zum Nachdenken an: Warum unterscheiden wir eigentlich zwischen Mann und Frau? Geht es vielmehr nicht darum, glücklich zu sein?

*Gerne würde ich geschlechtsneutral schreiben, habe mich aber einfachheitshalber für das “sie” entschieden.

 

Weitere Informationen

Theaterkompanie: Motus alias Enrico Casagrande, Daniela Nilolò. BühnenperformerIn: Silvia Calderoni. Dramaturgie: Silvia Calderoni. Sound: Enrico Casagrande.

Der Titel “MDSLX” lehnt sich an Jeffrey Eugenides Roman “Middlesex” an, in dem eine hermaphrodite Hauptfigur ihre Lebensgeschichte erzählt. Das Tanz im August-Festival läuft noch bis zum 4. September 2016.

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