„Die Proben waren sehr berührend“

Portrait Alexander Weise. Copyright: Elena Zaucke
Copyright: Elena Zaucke

Mit Beginn der 20. Legislaturperiode einigten sich die Regierungsparteien im Koalitionsvertrag, die Rechte der UN Kinderrechtskonvention ins Grundgesetz aufzunehmen. Doch noch fehlt die Zweidrittel-Mehrheit in Bundestag und Bundesrat, über den Zeitplan ist wenig bekannt. Regisseur Alexander Weise hat nun die Kinderrechte als Sprechchor-Projekt im Theater im Delphi umgesetzt.

Herr Weise, Kinderrechte als Bühnenstoff umzusetzen ist relativ ungewöhnlich. Warum genau haben Sie sich für ein Stück über die Kinderrechtskonvention entschieden?

Vieles in der Welt ist fraglich geworden. Ich habe im Internet nach einem Text gestöbert, der die Lebenswirklichkeit von jungen Menschen widerspiegelt und bin so auf die Kinderrechtskonvention gestoßen. Dann habe ich mich gefragt, ob die Konvention ihre Versprechen hält, welchen Wert die Schriften von 1981 noch haben und was die Konvention für die Kinder und Jugendlichen heutzutage bedeutet. In meinem inneren Ohr hörte ich, wie Kinder und Jugendliche gemeinsam diese bedeutsamen Worte sprechen. Ich stellte mir vor, welche Wucht sie auf der Bühne haben, also legten wir los.

Wie haben Sie sich den Texten der Kinderrechtskonvention genähert?

Wortweise. Dadurch, dass ich chorisch arbeite, haben die Kinder und Jugendlichen keinen ganzen Satz bekommen, sondern einzelne Wörter wie „achten“, „die Rechte“, „die Vertragsstaaten“ oder „Leben“. Ich bereite sehr viel vor, denke auch viel über die Struktur nach, aber das Leben in den Texten entsteht wahnsinnig aus den Kindern heraus, aus der Musik und aus der Sprache. Danach findet man gemeinsam heraus, wie alles ineinandergreift. Durch diese Art der Annäherung mit Körper, Stimme, Sprache baut man sofort eine Beziehung zu den Worten auf. Die Proben waren sehr berührend.

„Vieles in der Welt ist fraglich geworden“

Manche der Kinder sprechen Monologe. Wie haben Sie die Entscheidung getroffen, wer welche Texte bekommt?

Ich habe Konventionen für bestimmte Personen ausgesucht. Ein Geflüchteter hat zum Beispiel einen Text über die Rechte von geflüchteten Kindern bekommen. Dann habe ich die Kids gefragt, ob sie sich in den Texten abgebildet sehen. Daraufhin hat Caya einen Text über ihre Lebenswirklichkeit als Transperson geschrieben. Wie sie in einer Welt aufwächst, in der die deutsche Sprache kein Wort für sie hat, weil Menschen wie Caya von der Sprache vergessen wurden.

Die Kinderrechtskonvention wurde weltweit von 196 Staaten unterschrieben. Ist der Chor so divers wie er die Kinderrechtskonvention es vorgibt?

Der Chor ist bunt zusammengesetzt. Das jüngste Kind ist sieben, die ältesten über 20. Mir war auch wichtig, dass Menschen mit Downsyndrom dabei sind. Die Arbeit mit ihnen ist immer sehr emotional und schön. Leider ist es gar nicht so einfach, sie in unserer Gesellschaft zu finden. Also habe ich Downsyndrom Berlin angeschrieben. Sie waren sehr neugierig auf das Projekt und freuten sich auf unsere Zusammenarbeit.

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Was ist der Vorteil, wenn man den Sprechchor so divers zusammensetzt?

Ich strebe bei den Chören nicht nach dem einfachen gemeinsamen Klang und danach, dass alle die gleiche Stimme nutzen, sodass es gut klingt. Denn dann besteht die Gefahr, dass man nicht mehr auf den Text hört. Ich suche im Sprechchor nach unterschiedlichen Individuen und danach, dass sie in ihrer Unterschiedlichkeit sehr stark sind. Daraus ergibt sich dann eine gemeinsame Suche und ein gemeinsamer, starker Klang. Ich kann jeden einzelnen Menschen genau sehen und hören. Das ist natürlich mit einem diversen Sprechchor viel toller. Wir suchen zu sehr nach dem Trennenden und nicht nach dem Gemeinsamen – vielleicht aus der Angst heraus, das eigene Ego und die eigenen Träume zu verlieren. Ich empfinde das gar nicht so. In der Gemeinschaft bekomme ich auch für mich selbst Kraft. Deswegen liebe ich es, mit Chören zu arbeiten.

„Wir suchen zu sehr nach dem Trennenden“

Das Stück wird ab zwölf Jahren empfohlen. Das jüngste Kind ist sieben. Widerspricht sich das nicht?

Nein. Weil die Kinder nicht in das Stück reingeworfen werden, sondern hineinwachsen. Durch die gemeinsamen Proben ist ein großes Verständnis da. Ich habe auch die „Macbeth“ Chöre am Münchner Residenztheater angeleitet und dort den Kindern klar gemacht, dass der König auf der Bühne nicht wirklich erstochen wird, sondern dass der Schauspieler den Tod des Königs nur vorspielt. Wenn zum Beispiel ein sehr starkes, düsteres Bild mit einer Posaune auf der Bühne gezeichnet wird, dann kennen meine Kids das schon. Wenn allerdings ein 7-jähriges Kind die Vorstellung besucht, dann könnten die sinnlichen Eindrücke zu heftig sein.

Auch das „Eddy Projekt“ war ein sozialkritisches Projekt. Welches politisches Ziel verfolgen Sie mit der Aufführung von „Rights for Children“?

Die Kinderrechtskonvention wurde uns allen mitgegeben und wir haben sie in der Tasche. Wir haben den Kids ein wichtiges Versprechen gegeben, das es zu schützen gilt. Es geht mir nicht darum, ob die Kinderrechtskonvention ins Grundgesetz kommt. Das ist die Aufgabe von Politikern und Politikerinnen. Ich möchte, dass wir einfach wissen, dass wir Teil eines Ganzen sind, aber das wird viel zu wenig gesehen. Wir alle sollten wissen, dass wir für uns unsere Rechte kämpfen müssen. Wenn ich mit meiner Arbeit darauf aufmerksam machen kann, ohne moralisch zu werden, dann habe ich schon viel erreicht.

Weitere Informationen

„Rights for Children“ feierte seine Premiere am 19. und 20. November um 19 Uhr im Theater im Delphi, außerdem am 19. November. Weitere Termine im Jahr 2023 demnächst auf rightsforchildren.de. Auf der ebenerdigen Bühne wechselt sich der Sprechchor der Kinder und Jugendlichen mit dem Schauspieler Andrei Tacu ab, später stehen sie gemeinsam auf der Bühne.

Regie und Konzept: Alexander Weise, Musik und Komposition: David Schwarz, Bühne und Video: Stefano di Buduo, Kostüme: Romy Springsguth, Autor: Marcel Luxinger, Choreographie: Anna Pocher, Produktion: Eva-Karen Tittmann und Berta PR/Produktion, Pädagogische Beratung: Ela Zorn, Diversitätsberatung: Ulrike Düregger, Regie-Assistenz: Leonie Venzau, Besetzung: Andrei Tacu (Schauspieler), Mamadou Aliou Bah, Emma Damerow, Everston Freudenreich, Nele Finger, Magdalena Grassmann, Ari Hagemann, Caya Krakor, Karla Kurschat, Romy Kurschat, Thibaud Kurtz, Jim Messmer, Mei Messmer, Bo Römlein, Mika Sander, Amélie Schroeter (Kinder und Jugendliche), David Schwarz, Christian Kohlhaas (Musiker)