FIND 2017: Demokratie im Kochtopf

Zuschauer erfahren in Christophe Meierhans “Verein zur Aufhebung des Notwendigen” Politik anhand des eigenen Kochlöffels. Ihr Kochbuch lässt sie selbst entscheiden, in welche Richtung sie gehen. An demokratischen Konsens sei da nicht zu denken, so Meierhans im Interview.

Warnungen des Kochbuchs

„Wenn niemand Kompromisse eingeht, dann werden wir gemeinsam irgendwohin kommen“ und stellt unser Vertrauen in Frage: „Sind wir in der Lage, zu vertrauen, auch wenn wir uns vorher gesehen haben?“

Ein Kochbuch, das viele Freiheiten lässt

Zu Beginn zieht jeder eine Nummer und wie beim Amt wird das Kochbuch die Nummern nach und nach aufrufen. Jede Nummer hat eine Aufgabe. Und nachdem alle Zutaten vorgestellt wurden, beginnt die Kochshow. Wir sind für einen Augenblick „Chef unserer Entscheidungen“. Oder, wie es das Kochbuch zu bemerken vermag: „Wir sind, was wir essen, wir essen, was wir sind“. Ob das Publikum mit oder ohne Hygienemütze und Mundschutz oder mit ungewaschenen Händen kocht, ist ihm überlassen oder auch welche Richtung das Menu einschlägt. Verfolgt wird „Die Philosophie eines Salates“ es ist „ein fröhliches Schlachtfeld“.

Christophe, was hat der „Verein zur Aufhebung des Notwendigen“ mit Politik zu tun?

Meierhans: Ich hatte Bock, eine politische Situation herzustellen und ich brauchte etwas, das man auf die Bühne stellen kann und immer es selbst bleibt. Und da ist kochen sehr gut geeignet. Dass Zwiebeln anbrennen ist eine Tatsache und zwingt einen, zu handeln. Dadurch gibt es auch ein Tempo in der Küche. Man kann nicht wie in der Demokratie zu einem Konsens kommen. Man muss agieren, bevor man gemeinsam darüber nachdenkt.

.. und unpopuläre Entscheidungen treffen. Neben Zwiebeln, Knoblauch oder Kartoffeln gibt es auch ein blutiges Lamm auf der Bühne. Ist das Lamm zentraler Punkt des Stückes?

Meierhans: Das Lamm ist immer ein großes Thema und es wird heraus- und wieder hereingetragen, aber es gibt auch Leute, die aufstehen und sich querstellen: „Das Lamm wurde herausgetragen und wird nicht wieder hereingeholt!“ Gleichzeitig muss weitergekocht werden. Die Herausforderung ist, die eigene Meinung auszusprechen. Eine These könnte auch sein, dass, wenn man die eigenen Wünsche zurückstellt, dass es der Gemeinschaft dann unbedingt besser geht.

Würde das Stück ohne das Lamm funktionieren?

Meierhans: Das Lamm ist ein massives Objekt, das nicht viele Leute zu behandeln wissen. Rein visuell ist das Lamm ein starkes Element, aber es blieb auch ganz oft vor der Tür. Die Zutaten im Stück sind immer diskussionswürdig: Wenn wir Thunfisch haben, dann ist der nicht ökologisch, wenn wir Äpfel verwenden, sind die nicht regional und bio, sondern kommen beispielsweise aus Chile, wir haben auch Chayoten. Die kennt niemand. So ein Element gibt`s immer.

Verein zur Aufhebung des Notwendigen. copyright: Susanne Gietl/Kulturschoxx
Verein zur Aufhebung des Notwendigen. copyright: Susanne Gietl/Kulturschoxx

Das Stück wurde in Italien, in der Schweiz, Polen, Portugal, Estland, Belgien oder in den Niederlanden gespielt. Ändern sich die Zutaten in den verschiedenen Ländern?

Meierhans: Ja. Die Portugiesen kennen Chayoten, also verwenden wir dort pakistanische Gurken, die unglaublich bitter sind. Oder in Estland war es statt Fenchel Grünkohl. In Honkong müssen wir sehr viel ändern, weil die Kochgewohnheiten ganz andere sind.

Die Leute unterhalten sich während des Stückes fast nicht. Ist das immer so?

Meierhans: Es wird ziemlich viel gebrüllt, was wenig stattfindet ist der Moment eines Gespräches, wo man zusammen entscheidet. Das hat auch mit dem Kochbuch zu tun, das Leute zwingt, Entscheidungen zu treffen, die andere auch beeinflussen. Die Idee ist, zwischen Individuum und Gemeinschaft zu polarisieren, am Ende essen alle, was sie zusammen gekocht haben.

Es gab aber keinen, der totales Chaos produziert hat oder die Küchenanarchie ausrief. Ist das immer so, dass alle der Reihe nach aufstehen und extrem artig ihre Aufgabe ausführen?

Meierhans: Es gibt auch Vorstellungen bei denen alles scheitert und Leute sich tierisch streiten. Die Leute gehen Risiken ein und das Stück steht aber auch immer selbst auf der Kippe. Es kann nur ein Stück mit Beteiligung sein, wenn die Konsequenzen auch echt sind. Es gibt kein Sicherheitsnetz. Wenn jemand das Kochbuch nimmt und vernichtet..

Kommt das vor?

Meierhans: Das ist noch nie vorgekommen. Aber wir waren schonmal ziemlich nah dran. Einmal hatte jemand vorgeschlagen, dass ein Kochchef gewählt wird und man das Kochbuch vergisst, aber dann haben sich andere gemeldet, dass sie das das Szenario gerne bis zum Ende durchspielen möchten. Aber das Buch ist immer in Gefahr, das ist essentiell für uns.

 

Weitere Informationen

Christophe Meierhans war bereits vor zwei Jahren beim FIND zu Gast. In „Some use for your broken clay pots“ stellte er sich den Fragen des Publikums über eine selbstentwickelte 350 Artikel umfassende Verfassung. „Verein zur Aufhebung des Notwendigen“ wurde im Rahmen des FIND 2017 in der Berliner Schaubühne aufgeführt.

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