„Tanzen ändert die eigene Wahrnehmung“

Tanz ist eine eigene Sprache. Die Berliner Choreografin Canan Erek nutzt sie, um Jugendlichen zu helfen, sich im neuen Schuljahr wieder zu orientieren. Ab Montag, 23. Januar, veranstaltet sie PURPLE, ein Festival für Kinder und Jugendliche, um ihnen Tanzkunst näherzubringen. Im Interview erklärt sie, wie man Tanzkunst verstehen kann und wie Tanz Hoffnung spendet.

Frau Erek, was ist das Besondere am Arbeiten mit Kindern?

Canan Erek: Das besondere an Kindern ist, dass das sie sehr offen für Neues sind und ehrlich in ihrem Ausdruck und ihrer Kommunikation sind. Das schätze ich sehr. Mir macht es großen Spaß, die jungen Menschen dazu zu bringen, ihre Körperlichkeit im tänzerischen Sinne zu entdecken und zu entwickeln.

Als Kulturpatin haben Sie bereits mehrere Tanzprojekte in „Willkommensklassen“ geleitet. Was haben die Kinder, unter anderem Flüchtlinge, daraus gelernt?

Erek: Gerade bei Kindern, die alles verloren haben, ist es wichtig, zu sagen: du hast nicht nichts, sondern du hast dich selbst. Du hast deinen Körper. In diesem Sinne war Tanz unsere gemeinsame Sprache und es funktionierte Bestens. Und die Jugendlichen, die aus verschiedenen Ländern kamen, waren sehr motiviert dabei, weil sie die aktive Teilnahme an diesem Projekt befähigte, auf einer nonverbalen Ebene zu kommunizieren. Durch Tanz fanden sie eine neue, gemeinsame Ebene.

Eine schöne Botschaft. Jetzt veranstalten Sie mit PURPLE ein ganzes Festival, um Kinder und Jugendliche für zeitgenössischen Tanz zu begeistern. Warum heißt das Festival PURPLE? 

Erek: Es ist eine Mischung von blau und pink – die bekanntlich als Klischeefarben für die Genderbestimmung bei Kindern gelten – die Mischung sollte es sein, damit sich alle unabhängig von Gender angesprochen fühlen. Die Schreibweise in Großbuchstaben fand ich dynamischer, da die beiden P`s richtig auf einem Bein stehen 😉

Die beiden P`s tanzen also mit den anderen Buchstaben. Sind die Stücke genauso interaktiv wie der Name?

Erek: Ja, auch. Das Stück „Giardino Dipinto“ lädt Kinder ab sechs Jahren ein, einen gemalten Garten zu besuchen und durch eigene Bewegungen ihren eigenen Garten zu zeichnen, „Kartoffeln schälen in Wuppertal“ beteiligt die kleinen Zuschauer schon während des Stückes mit ihren eigenen körperlichen Aktionen und hinterher haben sie die Möglichkeit, Spielregeln aufzusetzen, wonach die beiden Tänzerinnen weitertanzen sollen. Außerdem findet nach jedem Stück eine Art Nachbereitung statt, um die Vermittlung von künstlerischer Arbeit und Interpretationsmöglichkeiten von dem gesehenen Stück zu ermöglichen.

Company Chameleon aus Manchester beschäftigt sich in „Beauty of the Beast“ mit Gruppendynamik unter Männern. Die Männer möchten sich gegenseitig beeindrucken und vergessen dabei, dass Zugehörigkeit nicht gleichzusetzen ist mit Identität. Das klingt nach viel Testosteron!  

Erek: Da in unserer Gesellschaft immer noch die Meinung vorherrscht, dass Tanzen eher was für die Mädchen ist, wollte ich mit diesem starkem Stück, wo sechs virtuose Tänzer zu sehen sind, einen Gegenpol setzen. Zwei der Tänzer der Company geben am Wochenende einen kostenlosen Tanz-Workshop für Jugendliche, da hoffen wir auch auf eine gendergemischte Teilnehmergruppe.

Den Workshop, „Tanz sehen und erleben“, leitet die Tanzpädagogin Nadja Raszwekski. Wie wichtig ist es, Tanz zu verstehen?

Erek: Im Tanz gibt es nicht immer buchstäblich etwas zu verstehen, es verlangt eher die eigene Interpretation von dem Geschehenen und Gefühltem. Die Kommunikation mit dem Tanz und dem Zuschauer geschieht auf einer anderen Ebene. Uns war es wichtig, Lehrer*innen dazu einzuladen, sich auf diese Kunstform einzulassen, die „Angst” zu verlieren, dass man nichts versteht. Nur so werden sie motiviert sein, ihre Schüler für diese Kunstform zu interessieren. Wir wollen schließlich die Kinder und Jugendlichen über die Schulklassen erreichen und da hat der Lehrer*in das Sagen 😉

 

Weitere Informationen

PURPLE – Internationales Tanzfestival für junges Publikum findet von 23. Januar bis 29. Januar in den Uferstudios, Theater Strahl und in der Tanzspielzeit Podewil statt.  Insgesamt werden sieben Stücke in 19 Vorstellungen aufgeführt, zwei kostenlose Workshops (“Tanzworkshop mit der Company Chameleon”, “Tanz sehen und erleben”) veranstaltet und eine Diskussionsrunde zum Festival. Das Festival ist ausverkauft. Es gibt für jede Vorstellung noch Restkarten an der Abendkasse. Tickets für das Festival kosten zehn, ermäßigt sechs Euro

 

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