„Wir haben 150 schwangere Frauen gesucht“

Nicht das Spektakuläre, sondern die im Alltag Übersehenen stehen bei den Filmen der Brüder Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne im Vordergrund. In dem Sozialdrama „Jeunes Mères – junge Mütter“ widmen sie sich fünf jungen Müttern in einem Mutter-Kind-Heim. Bei den 78. internationalen Festspielen in Cannes wurde der Spielfilm, der starke dokumentarisch Züge trägt, mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet. Ein Gespräch mit den Dardenne-Brüdern über die Zerbrechlichkeit des Lebens, die den Dardenne-Brüdern als roter Faden in „Jeunes Mères“ diente.

Sie beschäftigen sich gerne in Ihren Filmen mit Außenseitern. Dieses Mal haben Sie sich jungen Müttern im Mutter-Kind-Heim angenommen. Warum ist dieses Thema für Sie so wichtig?

Luc Dardenne: Wir hatten ursprünglich ein Drehbuch mit einer weiblichen Figur und haben ein Mutter-Kind-Heim besucht, um uns zu informieren. Als wir dort junge Mütter und Erzieherinnen getroffen haben, wollten wir unbedingt einen Film darüber machen. Über die Verantwortung, welche die jungen Frauen von Geburt ihres Kindes übernehmen und über die Beziehung, die sich Stück für Stück zwischen der jungen Mutter und ihrem Baby aufbaut. Junge Mütter stehen, am Rande der Gesellschaft. Sie werden allein gelassen. Wir wollten sie in den Mittelpunkt stellen. Was bedeutet es für eine junge Frau, psychisch und gesellschaftlich gesehen, dass sie Mutter ist? Sie sind noch Mädchen, haben aber die Probleme von Erwachsenen.

In Ihrem Film „Das Kind“ stand bereits eine junge Familie im Mittelpunkt. Gibt es Verbindungen?

Luc Dardenne: Es ist für uns das erste Mal, dass Babys im Mittelpunkt stehen. In „Das Kind“ verkauft Bruno, ein junger Vater, sein Kind und die Mutter fällt in Ohnmacht, als sie das erfährt. Für uns ist Elternsein eine menschliche Beziehung, die sich jeder wirtschaftlichen Berechnung entzieht. Wir haben in „Jeunes Mères“ versucht, die Zerbrechlichkeit des Lebens, etwas, was uns heute zu entschwinden scheint, zu filmen. Die Sanftheit, die Zärtlichkeit.

Was meinen Sie damit?

Luc Dardenne: Auch wenn es ein großes Wort ist, spreche ich über die Geburt der Menschlichkeit. Die Erzieherinnen versuchen bei den Babys dafür zu sorgen, dass es in diesem neuen Leben keine Gewalt gibt, dass diese Menschen behütet aufwachsen können. Das steht ganz im Gegensatz zu den Familien, aus denen die jungen Mädchen stammen.

Jean-Pierre Dardenne: Trotz der Armut, trotz der Gewalt, die im Leben der Mädchen vorkommt, waren wir wirklich überwältigt von der Lebensfreude, die alle Babys im Mutter-Kind-Heim ausstrahlten. Das hatten wir die ganze Zeit im Kopf, als wir gefilmt haben.

Sie haben im echten Maison Maternelle gefilmt. Wie haben Sie die Atmosphäre dieses besonderen Ortes eingefangen?

Luc Dardenne: Dieser Ort besteht seit 1966. Wir haben uns vorgestellt, dass unser Film von allen Babys in dieser Maison „bewohnt“ wird, die seit 60 Jahren hier waren. Wenn man Filme macht, muss man ein bisschen an Geister glauben. Deshalb haben wir uns entschieden, die Möbel des echten Mutter-Kind-Heims nicht zu ersetzen. Wir wollten, um die Natürlichkeit des Ortes zu behalten, so wenig Aufwand wie möglich betreiben. Es gab bei den Dreharbeiten auch kein zusätzliches Licht, sondern nur das Außenlicht und das Licht, das im Maison Maternelle vorhanden war.

Wie haben Sie mit den Babys und Schauspielerinnen gearbeitet?

Luc Dardenne: Wir haben 150 schwangere Frauen gesucht, die bereit waren, ihr Baby für ein Casting und für spätere Dreharbeiten zur Verfügung zu stellen. Am Ende haben wir mit 15 Babys gearbeitet, die abwechselnd zum Einsatz kamen. Jede Schauspielerin spielte also mit mehreren Babys. Keine von ihnen hatte zuvor mit einem Baby gespielt. Einige mussten lernen, wie man ein Kind trägt. Wir haben vier Wochen zuvor mit Puppen geprobt, in der letzten Woche dann mit echten Babys.  Sie mussten vorsichtig mit ihnen umgehen und das hat beim Dreh für Authentizität gesorgt.

Bei mehreren Babys sind die Beziehungen sicherlich unterschiedlich.

Luc Dardenne: Jede Darstellerin hatte eine ganz besondere Beziehung zu einem der Babys. Das Hauptproblem war dann herauszufinden, welches der Babys dasjenige war, das bei der vorherigen Probe so gut war. Und so haben wir ihnen irgendwann, um die Babys zu unterscheiden, eine farbige Mütze aufgesetzt. Bei der Montage haben wir dann gesehen, dass alle außer zwei Takes, mit demselben Baby waren. Aber das erkennen nur wir.

Für mich fühlt sich „Junge Mütter“ wie ein Dokumentarfilm über fünf Mütter an, was dem Film eine große Tiefe verleiht. Wie sind Sie vorgegangen?

Jean-Pierre Dardenne: Zuerst haben wir mit jeder Mutter getrennt von den anderen gearbeitet.  Die Proben bestanden zum größten Teil daraus, alltägliche Dinge zu wiederholen und mit Requisiten zu proben. Den Kinderwagen schieben, anhalten, das Telefon abheben, den Körper des Kindes zu halten. Wie nimmst du es, wo legen wir es hin, all das. Und nach und nach, ganz ohne Druck, beginnt es, Teil von dir zu werden.

Luc Dardenne: Wenn man alle Einstellungen probt, lernt man, wie man den Rhythmus in Bezug auf das echte Leben anpasst. Man bringt den Schauspielerinnen bei, das Tempo etwas zu drosseln. Eben nicht so schnell zu sprechen, wie sie es gewohnt sind, sondern langsamer. Proben dienen auch dazu, den Blick zu richten, sich zu trauen, Gesten wirklich auszuführen und Worte wirklich auszusprechen und nicht nur anzudeuten.

Hatten Sie ein besonderes Bild im Kopf, als Sie auf den richtigen Rhythmus und den richtigen Ton des Films geachtet haben?

Luc Dardenne: Ja. Den japanischen Film „Die Straße der Schande“ von Mizoguchi Kenji, der nicht mit Babys zu tun hat, sondern in einem Bordell spielt. Die Geschichte der Mädchen beginnt erst, als sie das Bordell verlassen. Wir interessieren uns bei „Junge Mütter“ für fünf verschiedene Personen. Dadurch, dass jedes der Mädchen seine eigene Geschichte hat und die Mädchen gar nicht so viel miteinander interagieren, wird es individuell und hat diesen chorischen Charakter.

Jean-Pierre Dardenne: Wir haben gelernt, fünf Figuren in einem Film unterzubringen, was wir noch nie zuvor gemacht hatten. Wir mussten Szenen schreiben, die daran erinnern, wie die vorherige Situation war, als wir sie vor zwei, drei Mädchen zuvor verlassen hatten. Es war ein bisschen wie eine Serie, in der man in den Episoden versucht, die Figur wiederaufzunehmen und gleichzeitig den Fluss zu bewahren. Bei jeder Person haben wir versucht, nicht sofort in die Szene einzusteigen – auch wenn man das später beim Schnitt ändern kann – sondern mit ihr neu zu beginnen, bevor die Handlung weitergeht.

Die Musik steht ganz am Ende und nicht im Film, was dem Film eine Art Abschluss gibt. 

Luc Dardenne: Im Film haben wir den Fluss gesucht, der uns zur Musik trägt, die am Ende erklingt. Wir arbeiten mit langen Plansequenzen und mit Musik entstehen Brüche. Wir mögen und hören viel Musik, aber bei uns wird der Rhythmus der Einstellungen auch stark von den Geräuschen der Szene bestimmt. Zu keinem Zeitpunkt unserer Arbeit haben wir jemals daran gedacht, dass es Musik geben würde. Die Musik liegt in den Bildern.