Jenseits der eigenen Wirklichkeit

Einmal Twin Peaks mit Kirschkuchen und Leiche, bitte. Berliner Theaterproduktionen ähneln oft einem wirren Selbsterfahrungstrip. Ortsspezifische Performances schießen in Berlin wie Pilze aus dem Boden, aber funktioniert das wirklich noch? Fans treffen bei “The Shells” auf Kritiker. Peter ist mitte 30 und hellauf begeistert. Morgen wird er das Team von “The Shells” das vierte Mal besuchen. Zu viele Rätsel hat er noch nicht gelöst, die zwielichtigen Bewohner des fiktiven Ortes Neu-Friedenwald ziehen ihn in seinen Bann. Stolz präsentiert er mir die Krankenakten von Emma, Audrey, Richard und Bobby. Das Detektivspiel scheint ihm zu gefallen. Er hat schon herausgefunden, dass alle Bewohner unter Medikamenteneinfluss stehen. Das Trinkwasser wurde verseucht. Peter bemerkt nicht, dass er schon längst Teil der Geschichte ist.

Und darin liegt wohl die Faszination solcher Aufbauten. Rund 40 Protagonisten wohnen in dem kleinen Twin Peaks-ähnlichen Örtchen Neu-Friedenwald. Tag und Nacht schleichen sie durch die Bretterbauten eines Berliner Hochhauses. Wer ihnen nahe kommt, kommt sich selbst nahe. Ich verliere im Billard gegen Marc. Er fordert mich auf, ein Geheimnis preiszugeben. Ich vertröste ihn, aber er lässt nicht locker. “Wenn du wüsstest, was für ein Geheimnis ich habe.” Es ist mir egal. Meine Gleichgültigkeit ist ein Versuch. Ein Versuch, die Performance von Innen von Außen zu betrachten. Denn wenn ich nur beobachte, wie viel erlebe ich dann wirklich?

Wie bereits bei Signas Club Inferno und Meat in der Berliner Schaubühne wird der Besucher gebeten, einige Stunden in der Performanceinstallation zu verbringen. Einige geben entnervt auf, sehen sich in den liebevoll eingerichten Zimmer um, dem kleinen Sprechzimmer des Artzes, holen sich ein Bier im Jugendclub, kaufen Süßigkeiten oder Kirschkuchen und gehen wieder. Andere fragen sich, was dahinter steckt. Wie oft darf man schon einfach so in der Privatsphäre eines anderen stöbern. Meat ging sogar einen Schritt weiter und spielte das Spiel im Internet weiter. Fast hätte ich mich damals mit einem mutmaßlichen Kannibalen befreundet.

THE SHELLS Official Trailer from The Shells on Vimeo.

Neu-Friedenwald ist anders. Keiner scheint jemals das 500 Quadratmeter große Örtchen verlassen zu haben. Für den Besucher gibt es einige Hinweise, wie er mehr über die Bewohner erfahren kann. In das Sprechzimmer des Arztes darf nur derjenige entreten, der nicht vom Kirschkuchen genascht hat. Ein Jungfilmer präsentiert immer wieder private Videos im Jugendclub, Ungeduldige werden eingeladen, sich Informationen zu erkaufen. Und wer so gar keine Lust hat, herumzuschnüffeln, geht in den Nightclub und kauft sich Wodka mit Kirschsaft.

Ich wage einen letzten Versuch und spreche James an, wie ich in den Wald aus dem Video komme. Er beschreibt mir die Todeszene aus Twin Peaks, packt mich am Nacken und rennt mir mir auf ein Bild von Neu-Friedenwald zu. Kurz darauf stoppt er. Verstört verlasse ich den Ort und beschließe, mir nun endlich David Lynchs “Twin Peaks” anzusehen.

“The Shells” war bis zum 20. Juni zu Gast im 7. Stock des Greenhouse in Tempelhof. Alle Ticketbesitzer wurden zur Eröffnung am 13. Juni eingeladen, die in einer Trauerfeier mündete. Wer möchte, kam zum Closing am 20. Juni. Hinter “The Shells” stecken die Theatermacherinnen Jos Porath und Kirsten Brandt.

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