In einer Welt, die so richtig am Arsch ist…

Das Performancekollektiv Gob Squad.

…soll man Kollektive bilden, so Sarah Thom, Gründungsmitglied des Performancekollektivs Gob Squad. Im Interview spricht sie über die Kraft des Kollektivs und den Beginn von ortsspezifischen Performances.

Sarah, zu Beginn habt ihr ein Stück im Wohnhaus („House“) aufgeführt, dann eines im Möbelladen („An Effortless Transaction“) und zur Documenta sogar in der U-Bahn („15 Minutes to Comply“). Was war so reizvoll daran, ortsspezifisch zu arbeiten?

Sarah Thom: Anstatt in einem nervigen Proberaum zu arbeiten, der an der „Nottingham Trent University’s Creative Arts“ stets ausgebucht war, suchten wir uns Orte, die uns vertraut waren. Also Orte, die wir verstanden. Machst du zum Beispiel ein Stück in einem Ladengeschäft („An Effortless Transaction“), in einem Hotel („Room Service“) oder in einem Büro („Work“), dann gibt es immer bestimmte Regeln, die zu beachten sind und die das Publikum kennt. Dadurch hast du mehr Spielmöglichkeiten.

Liegt das Geheimnis darin, immer wieder die Regeln zu brechen, damit das Publikum am Ball bleibt?

Thom: Natürlich – und damit spielen wir. Wir stellen gerne Regeln auf, die wir später selbst brechen. Das Publikum ist an ortsspezifischer Kunst interessiert, weil es anders als gewohnt handeln will. Nehmen wir zum Beispiel „Room Service“. Wir luden das Publikum ein, mit uns eine Nacht im Hotel in der Nähe des Bahnhofs Hamburg Altona zu verbringen. Wir begannen in der Nacht um 10 Uhr mit einer konferenzartigen Situation. Das Publikum sah so `ne Art Power Point Präsentation. Im Laufe der Nacht änderten sich die Regeln. Dann erlebte das Publikum etwas, wozu es sonst nicht die Möglichkeit hat.

 

 

Welche Regeln sind unumstößlich?

Thom: Wir überlegen immer: Was sehen wir in diesem Ort und was würde uns an diesem Ort interessieren? Was würden wir dort tun wollen? Das geben wir dann dem Publikum zurück.

Wie hat sich eure Arbeitsweise in über 20 Jahren verändert?

Thom: Wir hatten in ganz frühen Jahren die Mission, Werke zu kreieren, die nicht dem Theater zuzuordnen sind. Heute gibt es Raum für all das. So lange es ein gut geschriebenes Stück ist oder eben ein gut improvisiertes.

Funktioniert so ein fünfköpfiges Kollektiv wirklich so gut?

Thom: Ich will nicht sagen, dass Kollektive die einzige Option sind. Ich will diskutiere gerne darüber, wie schwierig das ist und wie man Probleme im Kollektiv löst. Entscheidungen im Kollektiv zu treffen ist ein Albtraum, aber wenn man Menschen hat, die einen ständig umgeben – und ich habe verdammt nochmal das Glück, Teil eines Kollektivs zu sein – ist es ein Weg, um in dieser Welt, die so richtig am Arsch ist, zu überleben.

 

Weitere Informationen

Gob Squad das sind (Reihenfolge wie im Foto): Sharon Smith, Berit Stumpf, Sean Patten, Sarah Thom, Johanna Freiburg, Bastian Trost und Simon Will. Jeder ist gleichberechtigt. Vor zwei Jahren feierten Gob Squad ihr 20-jähriges Bestehen.

Aktuelle Termine sind u.a.: „Are You With Us?“ am 31. Mai im Hebbel am Ufer, “War and Peace” am 4., 28. Juni und 10. Juli in den Münchner Kammerspielen und am 14. Juni in der Volksbühne Berlin sowie „Dancing About“ am 1. Juli in der Berliner Volksbühne.

Im einem anderen Interview spricht Sarah Thom über Abschied und Neuentdeckung von alten Stücken.

Foto: Garrett Davis/Capture Imaging
(das Foto ist unten leicht abgeschnitten)

Das Interview wurde im April 2014 veröffentlicht.