Tanztage 2015: „Ich mache ein offenes Angebot“

Neue Kuratorin? Neues Glück? 220 Bewerbungen sichtete Anna Mülter als neue Kuratorin für die 24. Tanztage Berlin. Entstanden ist ein abwechslungsreiches, queeres und interdisziplinäres Programm. Mülter spricht darüber, warum Wissenschaft und Tanz harmonieren, wie sie Nachwuchs fördern möchte und wie sie die Kommunikation zwischen Performer und Publikum fördern möchte.

Frau Mülter, bevor Sie zu den Sophiensaelen wechselten, reisten Sie für das Festival „Theater der Welt“ nach New York, London, Istanbul. Das klingt wesentlich spannender als jetzt nur in Berlin als Kuratorin der Tanztage auf die Suche zu gehen…

Beim „Theater der Welt“ war es natürlich toll, auf die ganzen großen Festivals zu reisen, im internationalen Kuratorenbusiness mitzudealen und die bekannten internationalen Gruppen ins Festival zu holen, aber man ist von den Arbeiten selbst wahnsinnig weit weg. Nachwuchsarbeit ist eine unglaublich dankbare und inspirierende Tätigkeit. Dadurch habe ich die Möglichkeit, junge Choreografen längerfristig zu begleiten und deren Arbeit zu entwickeln. Ich finde das sehr bereichernd.

Sieben Jahre lang hatte Peter Pleyer die Tanztage in seiner Hand. Wie war es für Sie, als Kuratorin in seine Fußstapfen zu treten?

Ich schätze die Arbeit von Peter Pleyer sehr. Die Ausgaben von Peter waren immer sehr queer, das ist mir auch eine Herzensangelegenheit und das trägt sich selbstverständlich ins Festival. Das Festival ist sehr queer geworden, weil die Choreografen sehr queer sind.


„Ich sehe das Queere in ganz vielen Arbeiten“


Was bedeutet queer für Sie?

Queer bedeutet für mich, nicht normativ zu denken. Für mich geht der Begriff queer weit über das Verständnis von Geschlecht, Gender und Sexualität hinaus. Natürlich gibt es Performances, die explizit mit der geläufigen Definition umgehen. Zum Beispiel werden in einer Dragking-Performance die Geschlechterstereotype aufgebrochen, aber ich sehe das Queere in ganz vielen Arbeiten, die sich zwar inhaltlich nicht spezifisch damit auseinandersetzen, aber freier denken. Ich möchte die Arbeit von Peter Pleyer fortsetzen, aber ich möchte auch eigene Schwerpunkte setzen. Deshalb habe ich einen Performance-Parcours durchs Haus geplant, außerdem setzte ich einen thematischen Schwerpunkt auf Popkultur.

Welche popkulturellen Einflüsse wird man beim Festival zu sehen bekommen?

Es gibt unglaublich viele popkulturelle Referenzen, mit denen die Choreografen arbeiten. Das geht von Breakdance über Clubkultur, Talkshow oder Action Filme und Horrorfilme über Heavy Metal über Striptease über Popikonen. Darauf wird man beim Festival immer wieder stoßen.


„Viele junge Choreografen arbeiten nicht fest mit Dramaturgen zusammen“


Die Tanztage fördern junge Talente. So manches Mal spürte man in den letzten Jahren, dass ihnen eine erfahrene Hand fehlt, um ihr Talent voll auszuschöpfen. Wie haben Sie die Nachwuchskünstler unterstützt?

Ich begleite die Arbeiten aktiv in der Phase der Entstehung. Alle neun Premieren unterstütze ich, indem ich regelmäßig auf Proben gehe und ihnen Feedback gebe. Bei Fragen bin ich jederzeit zu sprechen. Viele junge Choreografen arbeiten nicht fest mit Dramaturgen zusammen, aber das ist auch eine finanzielle Frage. Wir geben den Produktionen kleine Koproduktionskostenzuschüsse, davon kann man nicht mal die Choreografen gut bezahlen, geschweige denn, sich einen Dramaturgen leisten. Insofern sind die jungen Choreografen auf die Hilfe von Freunden und Bekannten angewiesen.

Sie waren auch neun Jahre am HAU – Hebbel am Ufer unter der Leitung von Matthias Lilienthal als kuratorische Assistentin beziehungsweise auch Dramaturgin. Wie hilft Ihnen die Erfahrung vom HAU weiter?

Das HAU hat mich auch beim Programmieren sehr geprägt. Man kann immer mindestens zwei verschiedene Sachen an einem Tag sehen. Ich möchte die Leute einladen, sich nicht nur eine Vorstellung anzusehen. Denn erst über die Zusammenschau von Vorstellungen und deren Kontraste entwickelt sich ein komplexes Bild. Ich habe viele Male für das „X Wohnungen“ gearbeitet. Das ist ein Format, das Matthias Lilienthal erfunden hat, bei dem man zu zweit durch die Stadt läuft und in Wohnungen Performances sieht. Die ortsspezifische Arbeit, bei der man den Theaterraum verlässt und in die Realität geht, aber auch die Arbeit mit kleinen Zuschauergruppen mag ich sehr.


„Die Arbeit mit dem Körper ist eigentlich etwas, was leicht Zugänge schaffen kann.“


Ohnehin habe ich das Gefühl, dass Sie sich sehr für den Dialog von Publikum und Performer interessieren. Bei „Let`s Talk About Dance“ regen Sie zu einem Austausch zwischen Performer und Publikum an, bei „Strip Down To Everything“ werden sie miteinander konfrontiert. Was erhoffen Sie sich davon?

Ich mache ein offenes Angebot und ich hoffe, dass die Leute Lust haben, das Angebot anzunehmen. Viele Menschen glauben, dass technischer Tanz nur etwas für die eingeschworene Kennerschaft sei und dass man als Laie nichts verstehen würde. Das sehe ich überhaupt nicht so. Die Arbeit mit dem Körper ist eigentlich etwas, was leicht Zugänge schaffen kann. Wir wollen im Anschluss an fünf Vorstellungen mit den Zuschauern auf verschiedene Weisen in den Austausch kommen.

Ist das auch der Grund, warum Sie so interdisziplinär vorgehen? Viele Produktionen überschreiten tänzerische Grenzen, Wirtschaft und Wissenschaft beziehen Sie auch mit ein…

Das interdisziplinäre Arbeiten fasziniert mich sehr. Es sind Choreografen dabei, die Wirtschaftswissenschaft studiert haben oder Mediziningenieur. Diese anderen Erfahrungen und Lebenskontexte bringen sie in ihre künstlerische Arbeit mit ein. Das finde ich sehr bereichernd für das Festival. Es geht nicht mehr nur rein um Bewegungsrecherchen. Das öffnet den Blick und erleichtert dem Publikum den Einstieg.


„Ich sehe meine Aufgabe in der Nachwuchsförderung“


Können Sie da Beispiele nennen?

Cécile Bally hat Wirtschaftswissenschaften studiert und ihre Masterarbeit über den kreativen Prozess geschrieben. Aus dieser Masterarbeit macht sie jetzt eine Performance. Eine Person, die beim Performance-Parcours dabei ist, hat gleichzeitig Biomedizintechnik, Physik und zeitgenössischen Tanz studiert.  Sie sagt selbst, dass sie das eine ohne das andere nicht studieren hätte können. Das Bild, das man in der Biomedizin vom Körper hat oder sich auf molekularer Ebene erarbeitet ist natürlich ein ganz anderes, als das, was im Tanztraining entsteht. Aber für sie balanciert das eine das andere aus.

Was ist Tanz für Sie?

Alles, was mit Körper im Raum umgeht, kann Tanz sein. Es kommt darauf an, welches Denken dahintersteckt und aus was es sich motiviert.

Nach den Tanztagen geht’s für Sie weiter. Sie kuratieren gemeinsam mit Franziska Werner, der Leiterin der Sophiensaele, das Tanzprogramm der Sophiensaele. Welche Ziele haben Sie sich gesteckt?

Ich sehe meine Aufgabe speziell in der Nachwuchsförderung, hier am Haus neue Choreografen zu etablieren und langfristig mit ihnen zusammenzuarbeiten. Zwei von ihnen, Lea Moro und Tian Rotteveel, zeigen ihre Arbeiten auch bei den Tanztagen. Im Laufe des Jahres werden sie jeweils eine vom Senat Berlin geförderte Produktion zur Premiere bringen.

Weitere Informationen

Das Interview mit Anna Mülter führte ich 2015, als ich für globe-M arbeitete. Da es sich um Archivmaterial handelt, das ich rückwirkend veröffentlicht habe (20.8.2022), wurde das Interview ohne Foto veröffentlicht.

Tanztage Berlin 2015
8. bis 18. Januar

Ort:
Sophiensaele
Sophienstraße 18
10178  Berlin

Tickets:
14 Euro, ermäßigt 9 Euro