65. Berlinale: Die ersten drei Tage im Schnelldurchlauf

Berlinale 2015

Der Filmmarathon ist vorbei. 11 Tage Berlinale. Für mich hieß das 29 Berlinalefilme, 8 globe-M-Artikel, Interviews mit drei Bärengewinnern, der Regisseurin Sacha Polak und der Schauspielerin Victoria Schneider sowie Lars Eidinger. Nicht zu vergessen, ein exklusives Studiogespräch mit dem Produktionsdesigner Sir Ken Adam. Ein Protokoll für alle, die nicht dabei waren.

1. Tag: Die Ruhe vor dem Sturm

Viele Pläne, viele Filme. Aber am ersten Tag gab es nur einen für mich: Die Pressevorführung des Wettbewerbsfilms: „Nobody wants the Night“ von Isabel Croixet mit der großartigen Juliette Binoche als Frau eines Polarforschers. Sie macht sich selbst auf die kalte Reise. Unterwegs sterben nicht nur Hunde. Am Ziel angekommen begegnet sie einer Eskimofrau, mit der sie mehr gemeinsam hat, als sie ahnt. Alle anderen reisen ab. Das Nordpoldrama verkommt zum Kammerspiel in fast völliger Dunkelheit. Juliette Binoche ist wie immer grandios, aber retten kann sie den Film nicht. Trotzdem zittern meine Hände, als ich aus dem Kino komme.

2. Tag: Inszeniertes Spiel und wahre Schauspielkunst

Uh. Gleich morgens Rosa von Praunheim? Ob das wohl eine gute Idee ist? „Härte“ klingt nach hartem Tobak. Ich versuch`s und bin überrascht. In einer Mischung von inszenierten Spielszenen in schwarz-weiß mit angedeutetem Dekor und dokumentarischen Elementen äußert sich Andreas Marquardt über sein Leben. Marquardt wurde als Kind von seiner Mutter missbraucht und von seinem Vater misshandelt, Hanno Koffler spielt den jungen Marquardt auf seinem Weg vom Opfer zum Zuhälter, Andreas Marquardt kommentiert die gesehenen Spielszenen. Härte trifft, ohne zu verletzen.

Werner Herzogs „Queen of the Desert“ hingegen ist ein Fest unfreiwilliger Komik. Wüstenkönigin Nicole Kidman arrangiert Allianzen von Völkern, nachdem sie ihr Geliebter alias James Franco aus ihrem Leben schied. Sie schrieben sich schwülstige Liebesbriefe. Die Szenen können nicht kitschiger, der Cast nicht unpassender sein. Meine Lieblingsszene: Kidman und Franco steigen die Stufen eines Turms hoch, auf dessen Plateau Adler Aas fressen. Fast küssen sie sich. Sie entscheiden sich um, laufen zu einem freien Feld und dann der Kuss. Einen der Scheichs spielt Robert Pattinson. Nicht gerade seine Paraderolle. Passt alles zusammen, weil es nicht zusammenpasst. Viel Aufwand, großes Gelächter.

Und schon sind wir bei den Bären. Charlotte Rampling und Tom Courtney zeigen, dass einzig und allein das Schauspiel darüber entscheidet, ob ein Film gut oder schlecht ist. Sie brillieren in dem einfachen Ehedrama „45 Years“ von Andrew Haigh. Zu Recht bekamen sie dafür den silbernen Bären. Am nächsten Tag interviewe ich sie.

Den Abschluss des Tages bildete Tom Sommerlattes „Im Sommer wohnt er unten“. Großartiger Name. Des Regisseurs und des Films. Eine erfrischende deutsch-französische Koproduktion über zwei Brüder, die sich im Sommer das Ferienhaus der Eltern teilen. Der eine Bruder wohnt immer dort. Mit seiner Freundin und Kind. Das stört den anderen… Wechselnde Allianzen, Schlagabtausch und viele Sprünge in den Pool machen aus dem Drama eine leichte Sommerkomödie. Mehr davon.

3. Tag: Positive Überraschungen
9 Uhr. Zeit einen Film zu sehen. Jayro Bustamantes „Ixcanul“. In einer der ersten Szenen wird ein Tier geschlachtet. Neben mir beißt eine Journalistin in ihr Leberwurstbrot. Wie passend. Nach dem ersten doppelten Vegetarierschock freue ich mich, dass Guatemala mit „Ixcanul“ im Wettbewerb antritt. Bustamante, den viele auch dank Festivalleiter Dieter Kosslick und Co. als Bustamente kennen, arbeitete mit Einheimischen. Macht den Konflikt zwischen Moderne, Aberglaube und Tradition deutlich. Dafür bekam er den Alfred-Bauer-Preis.
Am Nachmittag stehen Interviews mit Charlotte Rampling und Tom Courtenay an. Beide sind sichtlich entspannt. Courtenay erzählt, wie er das Drehbuch auf seinem iPhone las, von „Doktor Schiwago“ und Schauspielern, die nicht einmal ihren Text können. Bei Charlotte Rampling ist die Ehrfurcht wesentlich größer. Ich frage Sie, warum sie sich mit 63 Jahren nackt im Louvre hat ablichten hat lassen. Um anderem zu zeigen, dass Alter keine Schönheit kennt? Sie macht sich nichts aus Schönheit. Welch ein Moment.
Viel zu früh warte ich auf die Pressevorführung von Anton Corbijns „Life“. Nicht allle Journalisten kommen rein. Ich schon. Während ich Corbijns Joy Division-Drama herbeisehne, verpasse ich, wie großartig „Life“ eigentlich ist. Dane DeHaan spielt James Dean, Robert Pattinson mimt den ehrgeizigen Fotografen Dennis Stock, der verzweifelt versucht, seinem Chef ein Fotostrecke mit Dean zu verkaufen. Auch bei Pattinson gibt es James Dean-Momente. Beide stehn im Mittelpunkt, ohne sich jemals ins Rampenlicht zu stellen. Das passiert so nebenbei. Applaus. Im Kopf.

4. Tag: Warten auf Batman

(der Artikel wurde nach der Berlinale verfasst, das Protokoll wird im nächsten Artikel fortgeführt)